An diesem Abend fand ein etwas ungewöhnliches Konzert statt. Zum einen wurde es vom Deutschlandfunk aufgezeichnet, zum anderen fand es nicht in einem
üblichen Konzertsaal statt, sondern im Arithmeum. Das war ein großer, gläserner Gebäudeteil im ‘Forschungsinstitut für diskrete Mathematik’. Hääh?? Was ist denn das nun wieder? Ich stehe im Supermarkt doch auch nicht an
der Kasse und zähle laut alle Preise zusammen, um zu sehen, ob mein Geld reicht. Ich mache das schon immer sehr diskret!
Jedenfalls war das Arithmeum tagsüber ein Mathematikmuseum, in dem es von historischen Rechenbüchern bis zum
Mikroprozessor alles gab. Die WISE GUYS liefen unter der Rubrik ‘Museumskonzerte’, wobei ich jetzt nicht entscheiden möchte, wer von ihnen als ‘Mikroprozessor’ galt, und wer den Titel ‘historisches Rechenbuch’ bekam.
Im Arithmeum wurde auf eine strikte Zwei-Klassen- Einteilung geachtet. Die Besitzer ‘normaler’ Karten durften sich einen der etwa 120 Stuhlplätze im Foyer
aussuchen, alle ‘Ermäßigten’ saßen auf der Treppe. Immerhin gab es knallrote Sitzkissen. Manch ein Besucher war davon allerdings schon überrascht, zumal die
meisten beim Kartenkauf nicht darüber informiert wurden. Das Foyer war nur etwa 10 x 20 Meter groß und hatte an einem Ende eine kleine Bühne aufgebaut. Die war etwa
50 cm hoch und unmittelbar davor standen die ersten Stühle. Direkter Publikumskontakt sozusagen. Am hinteren Ende zog sich das offene Treppenhaus über
zwei Etagen hoch, und bei Beginn des Konzertes waren alle Stufen und die obere Empore dicht besetzt.
(Auf dem Bild vom Arithmeum stand die Bühne da, wo im Vordergrund die beiden
Sessel zu erkennen sind. Links davon sind die Treppenaufgänge zu erkennen.)
Zu Beginn des Konzertes stellte sich heraus, dass es sogar eine äußerst sparsame, aber
originelle Lightshow für diesen Abend gab. Hinter den WISE GUYS befand sich ein dünner Vorhang vor der Glasfassade, und unmittelbar dahinter war eine
Straßenkreuzung. Die Lichter der Ampel leuchteten mit den Bremslichtern der Autos um die Wette, und man konnte zusehen, wie 3 Meter hinter den singenden WISE GUYS
Autos anhielten um auf Grün zu warten. War eine ‘diskrete’, aber nicht zu unterschätzende Show! Den Rest der Beleuchtung übernahm das Foyerlicht, das wegen der nicht vorhandenen Scheinwerfer angestellt bleiben musste.
Nach der “Migräne-Anna” kam Dän sofort auf die ‘diskrete Mathematik’ zu sprechen, die ‘von festen Werten ausgehend’ bedeutet. Hatte er an diesem Abend gelernt. Sagte
mir jetzt aber auch nicht soviel. Wieso dann ‘diskret’? Außerdem fand er es interessant im Foyer eines Mathematikmuseums, vor ‘Menschen, die auf der Treppe und unter das
Geländer geklemmt sitzen’, aufzutreten. Auch das helle Licht störte ihn nicht: “Da können wir genau sehen wer zwischendurch schwätzt!” Obwohl an diesem Abend vom
Deutschlandfunk aufgezeichnet wurde, war nicht viel davon zu bemerken. Keine Riesen-Mischpulte oder Mördermikrofonanlagen. Sah eigentlich aus wie immer und
hörte sich gut an. Erstaunlich gut, wenn man bedachte, dass es eigentlich ein offenes, halliges Treppenhaus war.
“Die wahre Liebe” war schön ruhig und klar und kam sehr gut an. Ist ja eine Stimmung
zwischen witzig und traurig. Ich mag am liebsten den etwas melancholischen Schluß, aber ich liebe die ‘Hitchcock-Geigen’ beim ‘Bierholen’! Das “RTL-Lied” forderte
dagegen wieder unhaltbar zum Mitklatschen auf, wenn auch wieder auf 1 und 3. Aber da habe ich inzwischen die Hoffnung verloren, dass sich das mal zugunsten der 2 und 4 ändert. Machte trotzdem Spaß.
Das Publikum bestand zur großen Mehrheit aus “Neuhörern”, für die auch alle Gags und Ansagen neu waren. Darum gab es viel überraschtes Gelächter und gute Laune.
Allerdings blieb es an manchen Stellen, die bei anderen Konzerten sehr beklatscht wurden, ziemlich still. Zum Beispiel bei der Ansage zur “Genurjanie Indiebarda”. Hat
das international geschulte Bonner Publikum das doch für Portugiesisch gehalten? Nicht für lange, denke ich, denn es wurde dann viel gelacht und besonders Saris
Trompetensolo kam gut an. War aber auch wirklich superklasse.
Auch bei “Zur Lage der Nation” wurde nicht mitgeklatscht. Dabei durfte und sollte man
doch hier genau auf 1 und 3! Aber nein, es blieb ruhig. Dafür war Clemens wieder sehr beeindruckend mit dem Hin- und Herwerfen seines Kopfes. Kein Toupet würde dieser
Belastung standhalten! Das Lied kam aber in der richtigen Bedeutung an und bekam auch sehr starken Schlußapplaus.
Das “Parfum” wieder wunderbar leicht gesungen von Eddi und mit sehr schöner
Begleitung. Gibt immer wieder eine romantische Stimmung und ist ein guter Kontrast zu den anderen Liedern. Sehr schön finde ich auch die Solostelle von Ferenc, bei der
seine Stimme haargenau zum Stil des Liedes paßt. Wie ein echter Comedian Harmonist, auch wenn er dafür ja endlich mal viel zu jung ist!
Bei der “heißen Liebe” musste sich Clemens beim ‘Ansingen’ nicht auf die ersten beiden Reihen beschränken, sondern hatte in dem hellen Licht sozusagen ‘freie Platzwahl’. Und
Ferenc musste während des Singens schon unterdrückt lachen, BEVOR er Dän ernst angucken musste, und traute sich darum überhaupt nicht zur Seite zu blicken. Der
gemeine Dän blickte dafür umso länger zu Ferenc, in der Hoffnung, dass der platzen würde. Aber wo sind Tchibo, Jacobs und die Krönung? Will denn keiner den Refrain
für die Fernsehwerbung kaufen? Ich könnte ihn mir dort sehr gut vorstellen!
Nach “Mädchen lach doch mal”, diesmal unterstützt von ‘schottischen
Kiltfasertrommeln’, verließen die WISE GUYS die Bühne. Stattdessen kam die nette Sarah mit dem Artikelstand, breitete CD’s und Kalender aus, und siehe da: Was die
WISE GUYS nicht geschafft hatten, auf einmal drängten sich begeisterte Zuschauermassen bis an den Bühnenrand! Ich sah mir in der Zwischenzeit alte
Rechenmaschinen und den gläsernen Aufzug an, der wahrscheinlich auch diskret berechnet war. Ein schöner alter Schulgong brachte mich auf meinen Treppenplatz
zurück, auf dem ich inzwischen eine kleine Rückenlehne und etwas Fußfreiraum vermisste. Auch das knallrote Sitzkissen war auf Dauer nicht so gemütlich wie es
aussah. Trotzdem war die Stimmung in der 2. Klasse sehr gut, der nahe Körperkontakt gesichert und ich fand’s lustig.
Das Konzert ging weiter mit “Bleib wie du bist”. Ruhig, stimmig und von Dän einfach und
ernsthaft gesungen, und damit sehr berührend. Wirklich schön!
Wie versprochen habe ich bei “Willst du mit mir gehen” diesmal nicht auf Sari gesehen,
sondern nur beobachtet, was sein ‘Hintergrundchor’ in dieser Zeit macht. Ich war sehr zufrieden. Der tolle ‘Bläsereinsatz’ (daaaaai-dab!) mit Ausfallschritt ist sehr gut und
auch der weitere tänzerische Körpereinsatz genau richtig. Großes Lob mal wieder an die Tanztherapeuten! Es ist eine optisch schön unterstützende Begleitung, die trotzdem
nichts von der Aufmerksamkeit für den Leadsänger wegnimmt. Außerdem fiel mir auf, dass ich sie unbewußt schon genau mitbekommen hatte, denn sie war mir ganz vertraut,
obwohl ich dachte, dass ich immer auf Sari gucke. Alles perfekt, also!
“When I’m 64” ließ sich wieder in 4 Abschnitte einteilen. Zuerst Ferenc wunderbar tief
und mit dem netten kleinen Kiekser am Schluß, dann Eddi romantisch-schön, und das Publikum bei beiden sehr aufmerksam. Danach Dän und Clemens, denen schon mit viel
Gelächter zugehört wurde, und am Schluß Sari, bei dem es eine erste Was-ist-das-denn?-Textzeile lang ruhig blieb, dann aber richtig losging. Ich hatte zwei
weibliche Angestelle des Arithmeum im Blick, die ganz begeistert guckten und sehr lachen mussten. Am Schluß wieder ein tosender Applaus, der wie üblich das letzte nette ‘Plem-plem’ untergehen ließ.
Dän sprach danach von ‘dezenter’ Mathematik, was aber irgendwie an Eddis Keksen liegen musste, die so wunderbar leicht, frei und egal machen. Der folgende “Root Beer
Rag” war wieder klasse und das ganze Publikum bei dem Tempo total angespannt. Vielleicht sollte man vorher einige der Kekse verteilen...
Ferenc konnte bei “Sexbomb” nicht auf die Bühne schlittern, weil dort Teppichboden lag. Er kam stattdessen mit einem gewagten Sprung und riß damit das Publikum sofort
mit. Gab sehr gute Stimmung. Zum Schreien war sein sexy “grrrrrrrr” !! Supertoll! Das Publikum belohnte ihn mit viel Beifall.
Am Ende des Programmes verabschiedete sich Dän mit: “Es hat viel Spaß gemacht hier in
diesem Treppenhaus zu singen!” und bedankte sich wie üblich bei den Mitarbeitern. Diesmal besonders bei Reinhard Klose für die tolle Lichtshow. (Ich hatte ihn ja wie
sonst beim Ton vermutet, aber vermutlich stand er den ganzen Abend auf der Straße und schickte in regelmäßigen Abständen Autos an die Ampel!)
Mit großer Begeisterung wurde dann “Schlag mich Baby” aufgenommen und unter dem Jubel der Zuschauer gab es einen wunderbaren Schlußton beim Aufknallen der
Kniescheiben auf die Bühnenbretter. Es waren nämlich mal wieder keine Kissen dabei. Harte Zeiten für Showstars.
Mit lauten und sehr interessanten Klatschrhythmen wurden die WISE GUYS auf die
Bühne zurückgerufen. Aber selbst als sie dort standen, ging das begeisterte Klatschen weiter. Sehr schön und beeindruckend. Doch schließlich bekam Ferenc die Aufgabe das
Publikum in bewährter Weise zur Ruhe zu bringen, und diesmal guckte er nur mit seinen ‘großen Kulleraugen’ bittend in die Runde und es wurde sofort ruhig. Was für eine Gabe!
Ganz am Schluß gab es “GoldenEye”, bei dem einige Zuschauer am Anfang lachten. Aber die Stimmung schwang während des Liedes um, und sie wurden ganz ernst und konzentriert. So soll es sein. Toll!
Obwohl nicht mehr Saallicht angehen konnte, als sowieso schon da war, wurde der Schluß akzeptiert und das Arithmeum leerte sich, bis auf die letzten
Afterglow-Besucher. War mal eine ganz andere Konzert-Atmosphäre, die aber auch den WISE GUYS viel Spaß gemacht hat. Mir hat es wirklich sehr gut gefallen und ich freue
mich schon auf die Übertragung im DLF. (Termin: 27. 2. 2001, 21:05 - 22:50 )
Allerdings fühlte ich mich danach genauso, als wenn ich 3 Stunden in einem
Treppenhaus gesessen und WISE GUYS gehört hätte. Aber sowas Beklopptes gibt es ja wohl nicht!