Den ganzen Tag über stellte ich mir nur eine sorgenvolle Frage: Was ist mit Clemens?
Würde er an diesem Abend noch auf der Bühne stehen, oder hatte er
sein Recht auf Erziehungsurlaub in Anspruch genommen und blieb nun bis zum 3. Lebensjahr seines Kindes zu Hause? Könnte die Gruppe so etwas verkraften?Wie sollte so ein Konzert nur ohne Clemens funktionieren? Schon
beim “Frühlingslied” könnte man viele Takte lang nur “dum da” hören, bis endlich beim Refrain die verbleibenden vier WISE GUYS laut “Anna hat Migräne!” singen würden. Wäre das noch lustig oder würde damit nicht der
ganze Sinn des Liedes zerstört?
Dass Reinhard, Igor oder Kralle vom Ton abwechselnd einspringen würden, hielt ich für eher unwahrscheinlich. Obwohl ich sie noch nie singen gehört hatte. Was wußte ich von ihren
schlummernden Talenten? Auch die netten Mädel vom Artikelstand wären zwar optisch eindeutig eine Bereicherung, ob sie aber genau Clemens’ Tonlage treffen könnten, war fraglich. Und eine Umänderung in “Anton hat
Migräne”...na, ich weiß nicht!
Vielleicht hatte aber auch Eddi schon in mühevoller Arbeit ein Spezial-Notenheft zusammengestellt, in dem Text und Musik standen, so dass das notenkundige Publikum gemeinsam die
fehlende Stimme ersetzen könnte. Oder es gab vor jedem Konzert ein kurzes Casting (“Ist ein Tenor im Publikum?”), so dass ein Gast helfend einspringen konnte. So etwas hatten wir mal bei einem Roger Hodgson Solo-Konzert
erlebt, als der für ein Stück einen Schlagzeuger auf der Bühne brauchte. Hatte damals ziemlich gut funktioniert.
Ich machte mir also eine Menge Gedanken und hatte irgendwie das Gefühl, dass Clemens für die
Gruppe ziemlich wichtig war. Und drei Jahre Erziehungsurlaub waren lang. Außerdem: Was war, wenn es nicht bei diesem einen Kind blieb??
Mit Hochspannung wartete ich auf den Beginn des Konzertes. Der Saal war
unheimlich groß und es gab in jeder Reihe etwa 50 Sitzplätze. Auch die Bühne war sehr groß und es schien alles nach dem Motto gebaut: Wenn schon, dann muß es sich lohnen! Und trotz der Grandprix-Vorentscheidung im
Fernsehen hatten viele Besucher den Weg ins Bürgerhaus gefunden, und das benachbarte Parkdeck war völlig zugeparkt. Alles Leute, die auf Zlatko und Mooshammer verzichteten, um die Wise Guys zu sehen! Der Riesensaal war
voll.
Als das Licht ausging, gab es sofort erwartungsfrohen Applaus und auch ich fiel erleichtert in meinen Stuhl zurück, als ich bis 5 gezählt hatte. Clemens war dabei! Hurra!
Das Programm begann mit der “Wahren
Liebe” und es gab ringsherum vergnügtes Gelächter. Eddi sang kräftig und sehr temperamentvoll und das war ein superguter Anfang. In der nachfolgenden Anmoderation erwähnte Dän den ‘Mann, der einen Satz sagt...’, und der
Witz kam schon VOR der Pointe supergut an. Prima Stimmung, also. Auch das Frühlingslied löste viel Gekicher aus.
Richtig los ging es dann beim “RTL-Lied”. Sofort bei Beginn des 1.(!) Refrains wurde laut
mitgeklatscht. 1 und 3 natürlich. Einzige Ausnahme war der Mann vor mir. Irgendwie klatschte er jede 2. Triole, oder so. Das war nun ganz falsch und ich entdeckte keinen einzigen passenden Schlag bei ihm. Ganz mutig
hielt er aber gegen den restlichen Saal durch. Als die Wise Guys auf der Bühne beim Mitsingteil dann ganz demonstrativ auf 2 und 4 klatschten, schwenkten einige Zuschauer ebenfalls um. Viele zogen sich aber geschickt
aus der Affaire, indem sie auf alle vier Schläge klatschten und so auf jeden Fall irgendwann richtig waren. Egal, es gab gute Laune.
Auch das Licht war sehr schön. Nicht so wahnsinnig abwechslungsreich, aber besonders
gut, wenn vor dem blauen Hintergrund ganz starke gelbe Scheinwerferstrahlen von oben herabkamen. Eine richtig schöne Bühnenatmosphäre.
Bei “Genurjanie Indiebarda” war jeder Gag ein Lacher, auch wenn der Anfang
tonmäßig völlig neu für mich war. Ich nehme aber an, das das so nicht in den Noten stand. War nicht richtig falsch, aber eben anders. Eddi bekam für sein verzückt gesungenes “Schien” Extraapplaus und war dann auch
noch der glückliche “Joe”. Mit welchem Deal hat er diese Rolle Dän wohl abgeluchst? War aber auch von Sari wieder klasse und ist ein gleichermaßen witziges wie schönes Lied.
“Zur Lage der Nation” startete noch
heftiger als sonst. Dän wirkte sowas von blöd, dass schon am Anfang wirklich keiner mehr an der Richtung des Liedes zweifeln konnte. Bei so einem dämlichen Sänger sieht man das Schild ‘SATIRE!’ blinken. Und auch Eddi
sieht im Verlauf des Liedes schrecklich doof aus! Es war sehr lustig und das Publikum lachte laut, klatschte aber teilweise auf 2 und 4. Sie wollten wohl Dän’s Bemerkung über Unmusikalität nicht auf sich sitzen lassen.
Na gut, aber hier wäre 1 und 3 erwünscht gewesen. Ist schon nicht so leicht, bei Wise Guys Konzerten aktiv mitzumachen. Es gab jedenfalls viel verdienten Jubel am Ende des Liedes. Und zum Glück sahen Dän und Eddi danach
wieder normal aus. Und zum Glück war Clemens nicht im Erziehungsurlaub, denn wer könnte ihn bei seiner Wahnsinns-Rhythmusgruppe ersetzen?
Der Bass war beim “Parfum” etwas lauter als üblich und das war wirklich ganz
toll. Zum erstenmal konnte ich die Stimme überdeutlich erkennen und es war ‘ein Lied im Lied’. Was der alles dabei singen muß! Ist natürlich schwierig den Tonregler genau auf der schmalen Stelle zwischen ‘leise’ und ‘zu
laut’ zu halten. An diesem Abend war es superrichtig!
Dann “Ohne dich”, und an diesem Abend gab es dabei einige Herzinfarkt-Gefährdete. Zuerst mal Eddi, der in einer Strophe plötzlich einen Schlag zu früh einsetzte
und nicht sofort wieder reinkam. Irgendwas war falsch, aber was?? Dann die Background-Wise Guys, die es in letzter Sekunde schafften, gemeinsam und blindlings durchzuziehen, bevor sich alles in verschiedene Richtungen
verabschiedete. Und nicht zuletzt diejenigen Zuschauer, die das Lied gut kannten und sofort merkten, dass da etwas schieflief. Was habe ich in dieser halben Minute mitgelitten! Erste Erleichterung, als ich merkte, dass
der Rhythmus wieder fest war, und ausatmendes Zurücksinken in den Sitz, als auch Eddi wieder drin war. Jungs, das habt ihr mutig und diszipliniert gerettet! Gut, dass sowas nicht öfter vorkommt, sonst wäre das für meine
Nerven einfach zuviel. Und ich komme ja zum Entspannen - Hitchcock habe ich lieber im Kino! Wahrscheinlich war alles nur ein Trick vom Eddi, denn er weiß ja, dass einem beim Mitzittern die Herzen zufliegen! Ich glaube
aber, dass die meisten “Neuhörer” das nicht richtig gemerkt haben, oder sich höchstens über die seltsame Art der Strophe gewundert haben.
Nach einer launigen Ansage von Dän über die Artikel am Artikelstand war die
Stimmung richtig für “Mädchen, lach doch mal!” Bei Eddi gingen die Felltrommeln mit ihm durch, weil ‘das Tier noch dranhängt’, wie Dän vorher erklärt hatte. Sehr lustig und mitreißend.
Nach der Pause gab es das
übliche anerkennende Johlen über die Anzüge und bei dem wunderbaren “Bleib, wie du bist” Wunderkerzen in einer vorderen Reihe. Nur schade, dass die nicht so lange brennen. Zu dem Lied passen sie perfekt.
Sari bekam
Szenenapplaus bei “Willst du mit mir gehen” und war auch wirklich superaktiv. Sehr gut! Danach anerkennendes Raunen für den bassigen Anfang bei “When I’m 64”, fröhliches Gelächter bei den Strophen von Dän und Clemens,
und spitze Schreie bei Sari.
“Sexbomb” startete mit viel Nebel und dadurch war zunächst der komplette Background-Chor weg. Auch Ferenc konnte man anfangs nur am Glitzern seiner Jacke erkennen. Als der Nebel aber in
den Saal abzog, wurden plötzlich ganz viele kleine Stofftiere auf die Bühne geworfen. Schön, auch wenn es nicht die besungenen BH’s und Slips waren. Dazu muß man wohl altersmäßig noch was an der Zielgruppe ändern.
Bisher werden mehr die Kinderzimmer, als die Dessous-Schubladen geplündert. Ist aber völlig in Ordnung so. Ferenc drückte ganz wunderbar ein rotes Plüschherz an seine Brust, bevor er es starmäßig ins Publikum
zurückwarf. Schließlich landeten sogar weiße Rosen auf der Bühne und das Publikum jubelte in blinder Begeisterung. Das souveräne Abwinken des Beifalles gelang nicht ganz, denn viele Zugabe-Rufe gingen zuerst weiter.
Sehr schön, als Ferenc danach lässig lächelnd eine Rose in Däns Wasserglas stellte. Eddi räumte in der Zwischenzeit die Tiere von der Bühne.
Schön war es bei diesem Konzert, die “Ersthörer” zu beobachten. Die
Stimmung im Saal war wirklich sehr gut und ringsherum gab es aufmerksame, lächelnde Gesichter. Diese Konzentration beim Zuhören und das plötzliche, fröhliche Lachen bei den Gags waren toll anzusehen. Machte dann doppelt
so viel Spaß.
Bei “Schlag mich, Baby” wundere ich mich immer noch, wie sie es jedesmal so sicher zum gemeinsamen Anfang schaffen. Klar, ist das abgezählt und jeder läuft seine vorgeschriebene Bahn, aber es wirkt
am Anfang so ungeplant und verblüfft mich immer wieder. Die echte Britney könnte übrigens kaum mehr Applaus bekommen, als die fünf Wise Guys am Ende ihrer Tanz- und Gesang-Performance.
Die sofortigen Zugabe-Rufe
holten die Wise Guys mit “Herrjott” auf die Bühne zurück. Eddi bekam Applaus für seine Anfangsmundharmonika und die Stimmung brandete weiter hoch. In der Reihe nebenan sprang eine Dame mit Gospelchor-Feeling vom Stuhl
hoch und klatschte begeistert mit. Natürlich auf 1 und 3. Damit wäre sie aus jedem Gospelchor sofort rausgeflogen, aber es kam ja von Herzen.
“A-cappella” wieder mit einem sehr weißen Sari-Bauch, der daran denken
liess, dass es Zeit für den Sommer wird. Und als Abschluß “GoldenEye” mit blauen, schemenhaften Gesichtern in wallendem Nebel. Alles sehr gelungen.
Für den kompletten Abend gab es Standing Ovations vom sehr zufriedenen Publikum.
Insgesamt ein schöner Abend mit einem Publikum, das jeden Gag sofort und richtig verstand und mit sehr guter Stimmung dabei war. Und
mit Clemens, der zu meiner Freude weiterhin seinen klaren Gesang, sein exaktes Tempo, sein darstellerisches Talent und sein strahlendes Lachen beisteuert.