“Geh’n Sie doch mal wieder ins Kabarett!” war im Stil der alten Kabarettlieder gehalten.
Der Text war treffend formuliert, das Arrangement sehr gut, am Flügel spielte und sang Tom van Hasselt, und rechts davon standen die Wise Guys im Halbkreis und sangen
dazu. Ich war hin und weg!! Diese Musik und die tiefsinnige, humorvolle Art des alten deutschen Kabarett liebe ich einfach. Wie gerne hätte ich das mal erlebt! Jetzt saß ich
mittendrin und irgendwo im Publikum saßen wahrscheinlich Kästner, Zuckmayer und Ringelnatz. Hätte mich in diesem Moment nicht gewundert. Tom van Hasselt und die
Wise Guys brachten das Lied, als ob sie immer zusammen auftreten würden. Ein wunderschöner Anfang, der das Publikum sofort positiv einstimmte und mich seelig lächeln ließ. Sehr gut!
Die Wise Guys gingen ab und Tom van Hasselt begrüßte die Zuschauer mit der schockierenden Meldung: “Das Kabarett ist tot!” Er erzählte vom Traum vieler Menschen
berühmt zu sein, und förderte den Bekanntheitsgrad von Brigitte aus dem Publikum, indem er sie über persönliche Sachen befragte. Mehr als 300 Zuschauer wußten
danach, dass Brigitte weder Frühstück noch Mittagessen, aber eine abendliche Suppe zu sich genommen hatte. Immerhin. Mit toller Klavierbegleitung sang er von seinem
Traum “Ich wäre gern ein Stern”. Wunderbar ausgefeilte Sprachspielereien, von denen ich wahrscheinlich nur die Hälfte mitbekommen habe. Eines war mir jedenfalls sofort
klar: Bei Tom van Hasselt sitzt kein Wort ‘zufällig’ im Text. Sein Gesang war gut und passte haargenau und sehr gut zum Kabarettstil, allerdings würde ich ihm nicht
unbedingt einen festen Job im Wise Guys Ensemble anbieten. (Das war doch jetzt nett formuliert, oder?) Wunderschön war auch das Lied “Hinter dem Mond”, mit sehr
einprägsamem Refrain. Und ein Lied über die Philosophen, die sehr dem Alkohol zusprachen, war geistreich und witzig und bekam viel Gelächter.
Tom van Hasselt war auf der Bühne sehr natürlich und sympathisch, und für seine 22 Jahre erstaunlich selbstsicher und souverän. Er erzählte locker, aber konzentriert und
hatte einen roten Faden durch sein Programm laufen. Bei den Zwischentexten fehlte mir allerdings manchmal noch das Spritzige. Es war nicht langweilig, aber manchmal eben
etwas lang. Das Publikum blieb aber die ganze Zeit aufmerksam und war überhaupt sehr offen und aufnahmebereit.
Im Programm des Abends erzählte Tom van
Hasselt von seiner Reise mit einer Rakete, aus der er sprang, um zu verglühen und ein Stern
zu werden. Er begegnete im Himmel vielen berühmten toten Leuten, beeindruckte Marilyn Monroe am Flügel mit dem angeblich selbstkomponiertenTitanic-Lied “ Ja, das Lied ist
von mir!”, und versagte anschließend kläglich beim Vorstellungskonzert im Paradies. Tiefsinnig und umwerfend gut formuliert auch seine Textzeile: “Was wahr war, war wahr”, die vom Publikum als
“was-wa-wa-wa-waaaah” sofort begeistert mitgesungen wurde.
Am Ende des langen ersten Teiles gab es sehr viel Applaus, den Tom van Hasselt mit
strahlenden Augen still genoß. Er hatte das Publikum überzeugt und es wurde laut getrampelt und begeistert rhythmisch geklatscht. Ich dachte an die Wise Guys hinter
dem Vorhang. Was ging ihnen in diesem Moment durch den Kopf? War es ein zufriedenes: “Super! Wie schön für Tom!”, oder eher ein bedrücktes: “Oh, Mann. Der
räumt aber ab!” Oder sogar ein zweifelndes: “Will UNS da draußen überhaupt noch einer sehen?” Tom van Hasselt gab in der Zwischenzeit als Zugabe ein “Urlaubslied”,
das die Zuschauer wieder sehr zum Lachen brachte. Dann war Pause und alles strömte nach draußen, um frische, kühle Luft zu atmen.
Den zweiten Teil begannen die Wise Guys mit dem “Frühlingslied”. Das Publikum lachte beim Refrain sofort los und Clemens’ Mimik war wieder sehenswert. Abwechselnd
strahlendes Lachen oder bedauernswerte Verzweiflung. Klasse! Bei der Zuschauerbefragung stellte sich heraus, dass die meisten Leute die Wise Guys kannten,
wenige bis dahin Tom van Hasselt und einige sogar beide noch nie gesehen hatten. Die Stimmung im Publikum war wirklich toll und es wollten auch alle noch die Wise Guys
sehen. Da hatte gar keine Gefahr bestanden. Es war ein absolutes Heimspiel für sie. Däns Moderationen wurden locker aufgenommen und es gab viel herzliches, offenes
Gelächter. Eine wirklich entspannte und sehr schöne Atmosphäre.
Schon bei der Ansage zu “Genurjanie” gab es großes Gelächter und bei “Zur Lage der
Nation” wurde durchgehend gekichert oder sogar laut gelacht. Es gab langen, kräftigen Beifall und Clemens bekam einen Sonderapplaus, als er danach schweratmend und
erschöpft am Rand stand. Bei “Besserwisser” fand ich wieder die sehr schön plakativen Gesten von Dän gut, und das Publikum hörte wie immer etwas atemlos zu, als der Text in
rasantem Tempo gesungen wurde. Da hieß es Luft anhalten und Ohren auf, um nichts zu verpassen. Zum Glück ist das Lied kurz genug, um nicht zu kollabieren! Ob “Mädchen,
lach doch mal”, “Bleib, wie du bist”, “Willst du mit mir gehen” oder “When I’m 64”, es kam einfach alles supergut an. Die Luft war sehr heiß und erwärmte sich bei “Schlag
mich, Baby” noch mehr. Ich bin ja ehrlich begeistert, wie gut die Wise Guys das mit dem Tanz hinkriegen. Bei allem Gelächter im Publikum über das liebenswerte
‘Nicht-Perfekte’ in den Bewegungen, schwingt trotzdem immer die Anerkennung über das ‘Unerwartet-Gute’ mit. Riesenjubel und Getrampel am Schluß des Wise Guys Teils. Etwas anderes war eigentlich auch nicht zu erwarten.
Als Abschlußlied gab es dann als weitere Steigerung ein richtiges Finale. Tom van Hasselt sang am Flügel, die Wise Guys hatten sich malerisch daneben gestellt, und im
Stil einer alten Filmmusik wurde romantisch-witzig-schön ein Abschiedslied gesungen. Die Wise Guys zückten weinend Taschentücher und Ferenc gab seines nach dem
Naseputzen lässig an Dän weiter. Sehr hallig, dramatisch und mehrsprachig deklamierte Dän dann seine Abschiedszeilen mit Flügelbegleitung und es war wirklich wunderbar
schön! Ganz großer Jubel, als die Wise Guys beim Verklingen des letzten Tones mit ihren Taschentüchern winkten. Schöner konnte ein Schluß wirklich nicht sein!
Trotzdem ließ sich das Publikum noch nicht zum Afterglow nach draußen locken. Tom van Hasselt spielte am Flügel “Ich will keine a-cappella” und reimte dazu “..ich bin ein
Intellektuella.” Er zog plötzlich über a-cappella-Gruppen her, was etwas seltsam war, aber eigentlich egal. Sari machte sich passend zum Text wunderbar zum Affen (mit
Hüpfen, Schreien und Kreischen!) und das Lied war kurz und witzig. Der Saal tobte! (Das ist die einzige Formulierung, die mir in diesem Zusammenhang passend erscheint.
Ich kann da leider nicht so geschickt phrasenlos formulieren wie Dän oder Tom!)
Als endgültig allerletzte Zugabe und Abschluß sangen sie dann nochmal gemeinsam das
Anfangslied “Geh’n Sie doch mal wieder ins Kabarett!” Das war eine sehr gute Idee, denn das Lied war einfach zu gut, um es nur einmal zu hören. Das brachte auch die schöne Stimmung des Anfanges zurück
und der Schlußsatz “...Nennen Sie unsere Kunst nie wieder klein!” sprach mir aus der Seele.
(Nachträgliche Anmerkung: Es kann auch sein, dass der Satz “..denn diese Kunst ist niemals klein.” hieß. Liegt dann an der Akustik oder meinen Ohren, aber ich finde meine Version auch sehr schön!!)
Pfeifen, Getrampel und Begeisterung! Ein toller Abend!
Fazit: Ich war äußerst positiv überrascht von Tom van Hasselt, dessen komplettes
Programm ich mir auf jeden Fall demnächst ansehen werde. (Punkt 2 im Wise Guys Plan, ‘Besucher für Tom van Hasselt’ scheint auch aufzugehen!) Die gemeinsamen Lieder von
Tom van Hasselt mit den Wise Guys waren beeindruckend gut und ich finde es schade, dass ich sie nicht öfter hören kann. Die Wise Guys fand ich auch vorher schon sehr gut,
die Stimmung in der Comedia war rundum super und der ganze Abend ein Erfolg. Außerdem hat sich der Refrain vom ‘Kabarett’-Lied in meinem Gehörgang festgefressen
und ich nerve meine Umwelt mit gutgelaunt geschmetterten “Geh’n Sie doch mal wieder ins Kabarett!” So haben auch völlig Unbeteiligte noch was davon!