Sari gab den Ton an, und es ging sofort mit Showtime los. Diesmal aber mit dem Originaltext,
der den meisten Zuschauern locker von den Lippen kam. An der Stelle, an der Dän sonst “die Band” vorstellte, rief er: “Meine Damen und Herren, die Pappnasen!” Der Saal feierte lautstark
mit und freute sich, dass der fünfte Block gut begonnen hatte, dass es noch keine Stimmausfälle gab und die Total-Nacht nun schon so lange dran war.
Dän begrüßte: “Ja, meine Damen und Herren, liebe Närrinnen und Narren, wir kommen zu unserem letzten Block des Abends, das ist der Karnevalsblock. Wir wollen Ihnen die Kostüme
kurz erläutern, denn es steht ja immer ein tieferer Sinn dahinter.”

“Weil ich als Einziger noch nichts zum Baby-Boom der Gruppe beigetragen habe, möchte ich das heute abend wenigstens optisch nachholen. Deshalb habe ich mich als Säugling verkleidet.”

“Jaaa. Ich hatte noch diesen Mantel im Schrank und hab’ diesen Hut gefunden. Und diese Peitsche dazu. Ich bin also so eine Art Indiana Husta- oder Ferenc Jones-Verschnitt. Das war’s.”

“Schlechter Elektriker.”

“Ich bin Unterwasser-Pirat. Mein wichtigstes
Utensil hab’ ich vergessen. Ich wollt noch’n Dosenöffner mitbringen. Irgendwie muss man ja in diese U-Boote kommen.”
“Ich stehe ganz bewußt auf der anderen Seite der Gruppe, weil ich thematisch einen Bogen zum
Daniel schlage, der Baby ist, denn dieses Kostüm, das ich hier habe und das heute konzeptionell und handwerklich komplett neu entstanden ist, basiert in wesentlichen Teilen auf einem ehemaligen
Schwangerschaftskleid meiner Frau. Was die Interpretation angeht, sind wir uns nicht einig. Es gibt Leute, die sehen das mehr römisch, oder mehr ägyptisch, so dass ich mich als Doppel-Spion,
römisch-ägyptisch bezeichnen würde.”
Nach dieser Einleitung wies Dän darauf hin, dass die Wise Guys gerne Karneval feiern, nach früheren Versuchen aber nicht mehr gerne Karnevalsmusik machen und sagte
Do you believe an. Die Zuschauern fanden ihrerseits Karnevalsmusik von den Wise Guys überhaupt nicht schlimm und sangen lautstark mit. Eddi wanderte während des Liedes auf der Suche nach dem
Handmikro herum und fand es schließlich auf einem der seitlichen Tische.
“Tja, das Nächste ist auch schnell angesagt”, begann Clemens. “Es reimt sich vielleicht wenig auf ‘D
üsseldorf’, das stimmt, also ‘amorph’ und viel mehr fällt einem da nicht ein, aber man muss es
ja auch nicht unbedingt reimen, um es thematisch zu verarbeiten.” Na, auf ‘Düsseldorf’ reimte sich auch noch ‘Carl Orff’, ‘frischer Schorf’ und ‘Schüssel Torf’, aber das wollte ich nicht laut in den Saal rufen, zumal
es den Text nicht unbedingt sinnvoller gestaltet hätte. Nein, nein, nein war das Mitsinglied überhaupt und passte zur Bühnenkleidung und zur Stimmung im Saal.
Als sich alles beruhigt hatte, sagte Dän: “Unsere prähistorischen Versuche alltägliche Dinge, also Vorgänge des alltäglichen Lebens satirisch auf’s Korn zu nehmen und die kleinen Mißstände
des Alltags ein bißchen anzuprangern,.... auf nette Art.... mmmh, wie bring ich das zu Ende?” Er musste grinsen und das Publikum reagierte mit Gelächter. Der Meister zeigte
Ermüdungserscheinungen. Dän brachte den Satz aber noch zu Ende: ”...gipfelte in dem folgenden Song: Tut mir leid.”
Die Wise Guys begannen als Einleitung mit einem Choral, bei dem Clemens eine hohe Stimme
sang. Eine sehr
hohe sogar. Die alte Musikform hörte sich bei den Wise Guys ganz ungewohnt,
aber sehr gut an und ging nach einer Strophe sofort in “Tut mir leid” über. Clemens sang im Pharao-Outfit davon, dass er gut gelaunt sei, und strich sie dabei immer wieder grinsend die
Lamettafäden seines Kopfschmuckes aus dem Gesicht, die auf der Haut kitzelten und im Headmicro hängen blieben. Er war in seinem Kostüm eine tolle, glitzernde Erscheinung auf der
Bühne. Dagegen verschwand Ferenc mit seinem zwar sehr männlichen, aber auch dunklen Kostüm manchmal fast aus dem Blickfeld, weil die
Hutkrempe einen starken Schatten warf, der seine Augen verdeckte und der Rest der Figur von dem dunklen Mantel bedeckt wurde. Dafür konnte er aber mit der Peitsche knallen, was er aber auf der Bühne nicht machte.
Ohne Ansage ging Wenn der Herrjott ruft los, und im Saal herrschte andächtige Stille, als Eddi mit der unheimlichen Fanfare loslegte. Das Publikum lachte über die Formulierungen, und
in der letzten Strophe wanderte Dän vor der Gruppe zügig zu Eddi an das rechte Ende und sang dabei: “Wenn der Herrjott ruft zur Himmelfahrt, dann stellen wir uns ganz hinten....” er stockte,
weil ihm auffiel, dass er ans vordere Ende gegangen war, brach lachend ab, rief: “Scheiße!”” und drehte sich sofort um, um an das andere Ende zu gehen. Das Publikum brach am Ende in
lautes Gejohle und langes Klatschen aus.
Clemens erzählte, dass das Lied Kölsche Jung in New York früher eine ihrer Top-Nummern
bei der Straßenmusik gewesen wäre, und dass sie von Sting die Genehmigung zur Veröffentlichung bekommen hätten. Als es losging fiel mir plötzlich ein, dass genau dieses Lied
mein erster Kontakt mit den Wise Guys gewesen war. Ich konnte mich genau an die Situation erinnern, als ich irgendwann in den 90er Jahren mit meinem Mann im Auto durch Köln fuhr,
dieses Lied plötzlich aus dem Autoradio erklang und wir uns überrascht lachend ansahen. Wir hatten damals keine Ahnung, von wem es war und haben es auch lange nicht erfahren, aber es
hatte einen bleibenden Eindruck hinterlassen, weil es so ungewöhnlich und interessant war. Schon damals muss es irgendetwas in unserem Inneren berührt haben. Komisch, dass wir uns
beide bis heute an die Situation mit diesem Lied im Radio erinnern können, die Wise Guys aber erst viel später kennen gelernt haben. Ehe ich jetzt über Zufall, Schicksal oder Bestimmung
grübel, komme ich lieber wieder zur Total-Nacht:
Es ging sofort mit Tönen weiter, die etwas undefinierbar und ziemlich ungewohnt waren. Nach
drei Akkorden unterbrach Dän halblaut: “Machen wir’s nochmal! Ich bin total am schlafen - ist so warm hier.” Es fingerte an den Bändern seiner Baybhaube herum und zog sie herunter.
“Ohhhhh!” rief das Publikum bedauernd, aber
er versicherte: “Ich zieh’s gleich wieder an!” Die
Töne begannen erneut, aber diesmal setzte auch Dän rechtzeitig ein und Deutscher Meister war klar zu erkennen. Ein lauter Zuschauerchor sang mit und gab Dän keine Chance mehr einen Einsatz
zu verpennen. Beim Refrain wurden Schals in die Luft gehalten und von ganz alleine geschunkelt. Da war keine Aufforderung nötig. Zum Abschluß gab es von den Zuschauern das volle
Ausflipp-Programm mit Geschrei, Pfiffen und Getrampel.
Dän hatte im verdunkelten Saal entdeckt, dass es kostümierte Zuschauer gab und bat um
Saallicht. “Alle, die verkleidet sind, stehen mal auf!” sagte er und es gab Extraapplaus. Allerdings waren es gar nicht so sehr viele, aber es gab trotzdem ein buntes Bild.
Das Saallicht ging wieder aus und Dän moderierte knapp: “Jetzt ein musikalischer Leckerbissen aus
dem Jahre ... 1974. “ In die Lacher hinein gab Sari den Ton an, Dän sprach laut, aber monoton: “Eins - Zwei....” das Publikum erkannte es sofort, johlte laut und der Tekkno hämmerte los. Der hätte
natürlich auch in die Rubrik “greatest hits” gepasst, denn er war legendär und umjubelt.
Noch im Endapplaus begab sich Clemens zur Bühnenmitte, wo sich auch seine Kollegen
einfanden. Bis auf Eddi, der irgendwie eine längere Anmoderation erwartet hatte und seelenruhig an einem der Seitentische stand und verträumt eine Wasserflasche aufdrehte.
Clemens rief ihn halblaut, Eddi sprintete zur Bühnenmitte und sofort ging der Ohrwurm los. Im Publikum warfen die Kenner immer mal ein passendes “Hallo!” ein, dafür blieb es nach Clemens’
Textstelle: “...mit Beethoven und Bach” still, weil Eddi verpasst hatte sein beethövliches “Papapapaaaaah!” zu singen.
Clemens drehte sich zu ihm um und lachte schnaubend los, und auch
Eddi klappte lachend zur Seite. Mist! Völlig vergessen! Zum Ausgleich sang er ein herzhaftes “Papapapaaaah!” an der gleichen Stelle in der nächsten Strophe, wo es textlich überhaupt nicht
passte, aber Clemens überraschte und erneut zum Lachen brachte. Am Schluß sangen die Zuschauer laut mit, warfen immer mal wieder ihr “Hallo!” ein und hatten viel Spaß. Als der Applaus losbrandete,
konnte Eddi endlich in aller Ruhe zu seiner Wasserflasche zurückkehren.
Dän ließ vorsichtig eine Kritik los: “Wir hatten ein bißchen den Eindruck, Sie machen jetzt so
teilweise schlapp. WIR wachen gerade auf. Wir haben eben in der Pause noch überlegt, dass wir nach dem Konzert eine Gesangsprobe machen.” Er kündigte eine Granate an: “Aus der
‘blauen Phase’ bei uns. Die war so um 2001 rum, und das Lied, das wir aus dieser Phase singen wollen, und das auch von Historikern als Prototyp angesehen wird, heißt Kaiser Franz.”
Die Wise Guys sangen die Einleitungstöne, und Clemens fuchtelte mit den Armen, um das Publikum zu Waldgeräuschen zu animieren. Die erfahrenen Fans, die die ‘blaue Phase’ schon bewußt erlebt hatten, setzten sofort ein.


Sollten Leute im Publikum gewesen sein, denen das Lied neu war, werden sie ungewohnte Erfahrungen gemacht haben, denn, wie es Clemens nachher sagte: “Das Lied ist ziemlich gaga.”
“Oh, ich muss was sagen!” erinnerte sich Clemens erschreckt, als der Endapplaus aufgehört hatte und alles ruhig blieb. “Ich war gerade so empört über den Strich, den man mir da verpasst hat,
ich weiß gar nicht genau, was ich falsch gemacht habe.” Es kamen Zurufe aus der ersten Reihe und er gab seinen Widerspruch auf: “Die Jury ist unbestechlich und ich führe mit fünf Strichen. Das ist ja skandalös!”
Seinen Frust liess er gleich wieder raus: “Jetzt kommt ein Lied, das dem Sari hoffentlich so ‘nen Balken einbringen wird, weil er unglaublich viel Text hat und außerdem mit dem Ferenc
zusammen am hinteren Ende der Skala rangiert, das
Lied:
99 Jahre.” Unter dem Jubel der Zuschauer setzte Sari ein und war natürlich total gefordert. Nach nicht mal vier Zeilen hatte es ihn erwischt. Anstatt “Es wurde sechs und dann....”,
sang er: “Ich habe sechs” und kassierte einen Strich. Leider wurden kreative Textänderungen nicht bewertet, sonst hätte er ihn etwas später wieder ausgleichen können, als er nicht die Zahl
120 einsetzte, sondern als aktuellere Fassung: “In 99 Jahren sind wir beide 140!” sang. Einige Zuschauer reagierten auf diese Neuigkeit mit freudigem Gekreisch.
Dän kam mit der harten Wahrheit: “Wir hoffen, dass Sie mitgezählt haben. Wir kommen zu den letzten drei Liedern der Wise Guys Total-Nacht 2004.” Das Publikum reagierte mit lautem:
“Ooooooh!”, und Dän vermied sensible, tröstenden Worte, indem er erklärte: “Wenn IHR Song bis jetzt n
och nicht dabei war, dann stehen Ihre Karten verdammt schlecht.”
Danach wies er auf den Afterglow hin und startete die raffinierteste Überleitung des ganzen
Abends: “Es ist aber ein sehr später Afterglow. Insgesamt ist alles sehr spät - ist alles eigentlich schon zu spät.” Wow! Was für eine zielgerichtete Moderation. Laute, begeisterte Rufe tönten aus
dem Saal, aber sie schrieen nicht: “Bravo für diese Überleitung!”, sondern: “Sari, mach die Kuh!” Trotzdem gab es, weil sowieso alles zu spät war, Zu spät. Auch wenn manches Mädchenherz
endgültig brach, wurde von den meisten Zuschauern gelacht und gut gelaunt zugehört. Die Männer werden übrigens im Schnitt besser gelaunt gewesen sein, als ihre Partnerinnen. Eddi
sang: “Wo ward ihr, bitte schön, vor ein paar Jahren?” und eine laute, weibliche Stimme aus dem Publikum rief: “Grundschule!!”, was fröhliches Gelächter auslöste und auch Eddi zum Grinsen brachte.
Nach dem Lied stellte Clemens fest: “Mein Gott, nur noch zwei Lieder!”, aber er war heimlich ja auch Mathelehrer und konnte das im Kopf rechnen. Das Publikum schien von der Tatsachen
überrascht zu sein und rief wiede
r traurig: “Ooooooh!” Clemens zog Vergleiche: “Bei Sportlern
laufen die Beine irgendwann von alleine. In so einem ähnlich schmerzfreien, sphärischen Zustand bewegen wir uns auch ungefähr im Moment. Darum machen wir jetzt Party: Was für eine Nacht!” Die
Zuschauer jubelten los, weil sie so eine Nacht, wie sie im Lied beschrieben wurde, gerade im Moment erlebten.
Bei den ersten Tönen sprangen alle auf, klatschten mit, sangen laut und mobilisierten die letzten Reserven
. Einige Leute mussten dagegen schon ihre
Sachen packen und den Saal verlassen, weil die letzten Bahnen kurz darauf fuhren und leider keine Rücksicht auf die Wise Guys und ihre Total-Nacht nahmen. Im Saal gab es eine Riesenstimmung, die am Liedende in tosendem
Geklatsche und lautem Geschrei weiterging. Dän rief: “Vielen Dank!”, wurde aber locker vom donnernden Klatschen übertönt.
Als endlich Ruhe eintrat, kündigte er an: “Wir präsentieren Ihnen: Die Kuh!” Die Fans freuten
sich, Sari stellte sich in die Bühnenmitte, konzentrierte sich angestrengt und röhrte: “Mooooooooh!”. Es klang eher nach Kälbchen, oder erkälteter Jungkuh, aber dem Publikum war
schon alles egal und es jubelte wieder völlig begeistert los.
Die letzte Moderation kam nochmal von Dän. Er bedankte sich bei allen Zuschauern, weil sie
“relativ klaglos” die hohen Preise gezahlt hatten und damit eine hohe Spendensumme erreicht werden konnte, dass sie so lange durchgehalten und bei dieser verrückten Idee mitgemacht
hatten. “Eigentlich fast schade, dass es schon alles vorbei ist”, bedauerte Dän. “Wir könnten eigentlich noch etwas weiter machen, aber....” Lautes, zustimmendes Geschrei unterbrach ihn,
“...aber deswegen hatte ich ja gerade in den Satz das Wort ‘eigentlich’ eingefügt!” Ehe noch weitere Hoffnungen geweckt wurden, stellte er klar: “Meine Damen und Herren, wir möchten
uns von Ihnen verabschieden mit dem folgenden Lied...”
Die Wise Guys stellten sich ruhig auf der Bühne
zusammen und begannen leise und sanft mit Weil ich ein Kölner bin. Die einzigen Geräusche, die im Saal zu hören waren, waren die fünf Stimmen, und einige Sekunden lang raschelnde Kleidung,
weil sich alle Zuschauer wieder hinsetzten. Das war kein Stehlied. Auch das Lachen während der witzigen Textstellen war leiser und ein wenig sentimental, denn die Total-Nacht näherte sich
ihrem Ende, was auch ein wenig traurig war.
Es war ein wunderbarer Abschluß, der ganz ruhig ein sehr schönes Ausnahme-Konzert beendete.
Am Ende des Liedes standen die Wise Guys im Scheinwerferlicht eng nebeneinander auf der Bühne, hielten sich an den Schultern umarmt und liessen die letzten Töne leise verklingen. Superschön!
Großer Jubel, Pfiffe, Geschrei, Applaus toste durch den Saal, das Publikum erhob sich zu Standing Ovations, und die Wise Guys verbeugten sich, winkten lächelnd und gingen ab.