Kom(m)ödchen, Düsseldorf, 8. Juni 2002
  HORST EVERS  ...erklärt die Welt

Horst Evers hatte ich schon öfter gesehen, aber noch nie in Düsseldorf. Auch mich hatte Horst Evers noch nie in Düsseldorf gesehen, und damit hatten wir fast etwas gemeinsam. OK, ist ein ziemlich seltsamer Zusammenhang, aber mir gefällt er.

Mit einer schriftlichen Wegbeschreibung zum Kom(m)ödchen fuhr ich los, grübelte schon auf der Hinfahrt wie man “an der Oper RECHTwinklig LINKS” abbiegen kann und stand in Düsseldorf natürlich schon an der zweiten Kreuzung in der falschen Abbiegerspur. Kein Grund zur Panik, mutig weiter, und rein intuitiv Richtung Altstadt fahren. Ich hatte zwar keinerlei Ahnung wo ich mich befand und in welcher Himmelsrichtung mein Ziel liegen könnte, aber so geht es mir öfter. Die Straße führte durch einen ewig langen Tunnel, der bei mir leichte Befürchtungen auslöste, ob ich in der Schweiz rauskommen würde, aber plötzlich hatte er einen Ausgang, ich bog einfach mal rechts ab, nochmal rechts und stand am Kay-und-Lore-Lorentz-Platz. Genau da wollte ich hin. Hey! Ich war mächtig stolz auf mich, weil ich es so einfach gefunden hatte. Keine Ahnung wie ich das gemacht hatte, aber irgendwie vorbildlich. (Ich verschweige jetzt mal, dass ich an anderer Stelle schon stundenlang in die falsche Richtung gefahren bin und irgendwann drehen musste, als das Ortsschild der Nachbarstadt auftauchte.)

Im Kom(m)ödchen war ich vor ziemlich vielen Jahren schonmal gewesen und erkannte nichts wieder. Weder der Eingang, noch der Innenraum kamen mir bekannt vor und ich merkte, dass Vergeßlichkeit einen großen Vorteil hat: Man lernt soviel Neues kennen.

Im Saal gab es etwa 200 Sitze und eine sehr interessante Bühne. Rechts und links war sie mit viel verschnörkeltem, schwarzen Holz dekoriert, hatte Türen, Emporen, Fenster, Treppen und war perfekt für ein chaotisches Theaterstück mit vielen Auf- und Abgängen geeignet. War ein bißchen viel für Horst Evers, der ganz einfach bis zur Mitte der Bühne kommen und dort bis zum Schluß stehenbleiben würde, aber wenigstens hätte er die Gelegenheit gehabt nach jedem Lesestück irgendwo reinzugehen und an überraschender Stelle wieder rauszukommen. Warum er das hätte machen sollen, weiß ich aber auch nicht.

Zufällig bekam ich vor dem Auftritt noch die Absprache mit dem Lichttechniker über das Bühnenlicht mit, die mich schon richtig auf den Abend einstimmte, weil sie so schön war. Hier ungefähr der Wortlaut:
Lichttechniker: “Was ist mit dem Bühnenlicht?”
Horst Evers: überlegend “ Jaaaaa - einfach an.”
Lichttechniker: “Und zur Pause?”
Horst Evers: “Ausmachen.”
kurze Pause, in der alle amüsiert gucken
Horst Evers: “Und nach der Pause wieder anmachen.

Das Programm begann mit einem lockeren, witzigen Einstieg über die Fußball-WM und die Verwechslung von englischen Fußballfans mit den demonstrierenden Studenten, die an diesem Tag durch Düsseldorf gezogen waren. Das Publikum lachte offen und ließ sich entspannt auf den Abend ein. Horst Evers verband die vorgelesenen Geschichten mit kleinen Zwischenmoderationen und während ich alles sehr genoß, überlegte ich, was den Reiz von Horst Evers ausmachte. Vielleicht seine Normalität. Er war so ganz unspektakulär, nett, natürlich und zog nicht mal eine große Show ab. Im Gegenteil, so richtig gut zu gelingen schien ihm nicht viel, irgendwie war er nicht für die harte Welt geeignet und mit seiner ruhigen, manchmal etwas hilflosen Ausstrahlung löste er ein unterschwelliges Beschützsyndrom aus. Andererseits kam er erstaunlich gut zurecht und brauchte keine Hilfe, weil er sich im Ernstfall einfach ins Bett zurückzog, in der Küche mental Wasser zum Kochen brachte oder sonstwie aus der Gefahrenzone ging. Keine Ahnung wie der echte Horst Evers ist, aber die Bühnenfigur Horst Evers kam glaubhaft, überzeugend und ‘rund’ rüber. Wenn die Welt über ihm zusammenbricht, wird er sich erstmal in den Sessel setzen und geduldig abwarten, was so auf ihn zukommt.

Genüßlich hörte ich den ausgefeilten Texten zu und grinste breit, wenn besonders schöne Stellen kamen. Vieles kam gar nicht richtig beim Publikum an, weil es einfach überhört wurde, aber ich liebe einfach Stellen, an denen der eine Absatz mit einem kategorischen “Ich steige NICHT in Wolfsburg aus!!” endet und der nächste Satz mit einem resignierten “Als wir in Wolfsburg ausstiegen....” anfängt. Die Pause erklärte Horst Evers offiziell zur ‘Freizeit’, “da kann jeder machen was er will.”, bot bewußt kein Beschäftigungsprogramm an und erklärte ausführlich, warum er diese “relativ klassische Aufteilung Programm-Pause-Programm” gewählt hatte.

Weil gerade Pause ist und Herr Evers keine Beschäftigungs- Angebote gemacht hat, nutze ich die Zeit ganz einfach mal für den Werbeblock. Wer kontrollieren möchte, ob Horst Evers tatsächlich fehlerfrei lesen kann, sollte sich diese Arbeitsunterlagen besorgen und vor einem Vorlese-Abend durcharbeiten. Einwürfe wie:  “Das steht hier aber ganz anders!” sind sicher gerne gesehen und lockern den Abend auf.

CD “Horst Evers erklärt die Welt”
WortArt, ISBN 3-7857-1193-X

Buch: Horst Evers
“Die Welt ist nicht
 immer Freitag”
Eichborn-Verlag
ISBN 3-8218-3745-4

Kleiner Tipp bevor es wieder losgeht: Am einfachsten bekommt man die NACH einer Vorstellung, wenn man sie zum Doppelpack-Sonderpreis im Foyer kaufen kann! Dann muß man eben nachträglich kontrollieren, ab alles richtig war.

Der zweite Teil wurde dann eigentlich nicht noch besser, denn auch die Texte im ersten Teil waren klasse, aber das Publikum lachte einfach schneller und noch viel amüsierter. Wenn ich mich umblickte, sah ich nur offene Lachgesichter, die gespannt auf die Bühne guckten und die Stimmung im Saal war wirklich schön. Bei vielen Zuschauern war der Nerv getroffen, was ich zwischendurch klar an dem glucksenden, nach Luft schnappenden Lachen hören konnte. Ein hilfloses “Nicht zu fassen!” aus der Reihe hinter mir war die Reaktion auf weitere abgedrehte Evers-Gedanken und ich überlegte, ob man im Gesicht Krämpfe kriegen kann, wenn die Wangen vom Lachen schon richtig wehtun und man sie einfach nicht in eine neutrale Stellung zurückkriegen kann.

Schließlich kam sogar Horst Evers aus dem Konzept, als er bei einer Geschichte mit der zweiten Zeile anfing, verblüfft abbrach und verwundert fragte: “Geht Ihnen das auch so, dass Sie einen Satz vergessen und mitten im Text anfangen?” Er mußte selber sehr lachen und konnte nicht einfach weitermachen. “Jetzt sind wir etwas aus dem Takt. Speziell ICH.” Liebevolles Gelächter im Publikum und eine weitere Sympathiewelle schwappte auf die Bühne. Einfach klasse.

Am Ende viel Beifall, auch wenn das Publikum zwischendurch nicht häufig geklatscht hatte, so hatte es doch sehr viel Spaß und der Lachpegel war immer weiter gestiegen. An diesem Abend hat Horst Evers ganz sicher neue Fans gewonnen.

Mein Tipp:
Wunderbar abgedrehte Gedanken, sehr komisch, unbedingt hingehen!

Wer noch mehr wissen will:
Einen anderen Bericht über
eine Vorstellung von Horst Evers
habe ich HIER geschrieben

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Die Fotos sind aus der WDR-Aufzeichnung “Schandmäuler”