Horst Evers hatte ich schon öfter gesehen, aber noch nie in Düsseldorf. Auch mich hatte Horst Evers noch nie in
Düsseldorf gesehen, und damit hatten wir fast etwas gemeinsam. OK, ist ein ziemlich seltsamer Zusammenhang, aber mir gefällt er.Mit einer schriftlichen Wegbeschreibung zum Kom(m)ödchen fuhr ich los, grübelte schon
auf der Hinfahrt wie man “an der Oper RECHTwinklig LINKS” abbiegen kann und stand in Düsseldorf natürlich schon an der zweiten Kreuzung in der falschen Abbiegerspur. Kein Grund zur Panik, mutig weiter, und rein intuitiv
Richtung Altstadt fahren. Ich hatte zwar keinerlei Ahnung wo ich mich befand und in welcher Himmelsrichtung mein Ziel liegen könnte, aber so geht es mir öfter. Die Straße führte durch einen ewig langen Tunnel, der bei
mir leichte Befürchtungen auslöste, ob ich in der Schweiz rauskommen würde, aber plötzlich hatte er einen Ausgang, ich bog einfach mal rechts ab, nochmal rechts und stand am Kay-und-Lore-Lorentz-Platz. Genau da wollte
ich hin. Hey! Ich war mächtig stolz auf mich, weil ich es so einfach gefunden hatte. Keine Ahnung wie ich das gemacht hatte, aber irgendwie vorbildlich. (Ich verschweige jetzt mal, dass ich an anderer Stelle schon
stundenlang in die falsche Richtung gefahren bin und irgendwann drehen musste, als das Ortsschild der Nachbarstadt auftauchte.) Im Kom(m)ödchen war ich vor ziemlich vielen Jahren schonmal gewesen und erkannte nichts
wieder. Weder der Eingang, noch der Innenraum kamen mir bekannt vor und ich merkte, dass Vergeßlichkeit einen großen Vorteil hat: Man lernt soviel Neues kennen.
Im Saal gab es etwa 200 Sitze und eine sehr
interessante Bühne. Rechts und links war sie mit viel verschnörkeltem, schwarzen Holz dekoriert, hatte Türen, Emporen, Fenster, Treppen und war perfekt für ein chaotisches Theaterstück mit vielen Auf- und Abgängen
geeignet. War ein bißchen viel für Horst Evers, der ganz einfach bis zur Mitte der Bühne kommen und dort bis zum Schluß stehenbleiben würde, aber wenigstens hätte er die Gelegenheit gehabt nach jedem Lesestück irgendwo
reinzugehen und an überraschender Stelle wieder rauszukommen. Warum er das hätte machen sollen, weiß ich aber auch nicht. Zufällig bekam ich vor dem Auftritt noch die Absprache mit dem Lichttechniker über das
Bühnenlicht mit, die mich schon richtig auf den Abend einstimmte, weil sie so schön war. Hier ungefähr der Wortlaut: Lichttechniker: “Was ist mit dem Bühnenlicht?” Horst Evers: überlegend
“ Jaaaaa - einfach an.” Lichttechniker: “Und zur Pause?” Horst Evers: “Ausmachen.” kurze Pause, in der alle amüsiert gucken Horst Evers: “Und nach der Pause wieder anmachen.” Das Programm
begann mit einem lockeren, witzigen Einstieg über die Fußball-WM und die Verwechslung von englischen Fußballfans mit den d emonstrierenden Studenten, die an diesem Tag durch Düsseldorf gezogen waren. Das Publikum lachte offen und ließ sich entspannt auf den Abend ein. Horst Evers verband die
vorgelesenen Geschichten mit kleinen Zwischenmoderationen und während ich alles sehr genoß, überlegte ich, was den Reiz von Horst Evers ausmachte. Vielleicht seine Normalität. Er war so
ganz unspektakulär, nett, natürlich und zog nicht mal eine große Show ab. Im Gegenteil, so richtig gut zu gelingen schien ihm nicht viel, irgendwie war er nicht für die harte Welt geeignet und mit seiner ruhigen, manchmal etwas hilflosen Ausstrahlung löste er ein unterschwelliges
Beschützsyndrom aus. Andererseits kam er erstaunlich gut zurecht und brauchte keine Hilfe, weil er sich im Ernstfall einfach ins Bett zurückzog, in der Küche mental Wasser zum Kochen brachte oder sonstwie aus der
Gefahrenzone ging. Keine Ahnung wie der echte Horst Evers ist, aber die Bühnenfigur Horst Evers kam glaubhaft, überzeugend und ‘rund’ rüber. Wenn die Welt über ihm zusammenbricht, wir d er sich erstmal in den Sessel setzen und geduldig abwarten, was so auf ihn zukommt.
Genüßlich hörte ich den ausgefeilten Texten zu und grinste breit, wenn besonders schöne Stellen kamen. Vieles kam gar nicht richtig beim Publikum an, weil es einfach überhört wurde, aber ich liebe
einfach Stellen, an denen der eine Absatz mit einem kategorischen “Ich steige NICHT in Wolfsburg aus!!” endet und der nächste Satz mit einem resignierten “Als wir in Wolfsburg
ausstiegen....” anfängt. Die Pause erklärte Horst Evers offiziell zur ‘Freizeit’, “da kann jeder machen was er will.”, bot bewußt kein Beschäftigungsprogramm an und erklärte
ausführlich, warum er diese “relativ klassische Aufteilung Programm-Pause-Programm” gewählt hatte. |