PRIX PANTHEON 2001

2.Wettkampftag, 3.Mai ‘01

PATRICK SCHLEIFER - TOM VAN HASSELT - THEATER TÜRKIS
ROLF PERSCH - EVI UND DAS TIER - HILDE KAPPES

Der zweite Abend des PRIX PANTHEON fing an, und im Zuschauerraum gab es viele vertraute Gesichter, da ein Großteil der Leute Karten für beide Abende hatten. Hielt ich auch für sinnvoll, denn nur dann war eine Beurteilung des endgültigen Wahlergebnisses möglich. Die Bedienung freute sich ebenfalls: “Ich habe die gleichen Bestellungen wie gestern!”

Zum Anmoderieren und Anheizen kam zunächst wieder Fritz Litzmann auf die Bühne. In seiner unnachahmlichen Art erklärte er, dass Lachen wie Niesen sei und ohne große Überlegung einfach raus müsse. Beim Überlegen warum man lache, könnte das Lachen sozusagen im Halse stecken bleiben. “Also einfach raus damit!” Das hatten wir auch vor.

Erster Kandidat war Patrick Schleifer. Er hatte einen grellen, lila-grün-gelben Pullover an, dem man den hohen Kunstfaseranteil unangenehm deutlich ansah. “Ist aus Plaste” erklärte er stolz in starkem sächsischen Tonfall. Dann führte er einen ‘Bob-Schloger’ vor. Sein ‘Gumbel’ Bernd begleitete am Keyboard, und Patrick Schleifer sang zur Melodie von “These boots are made for walking” ein Loblied auf seinen Pullover. Zuschauer-Mitsing-Zeile: “Isch find den Bulli wundrbor”. Klappte nicht sofort, dann aber gut. Nach einem Schlenker zum Thema ‘erogene Zonen’, der etwas lahm war und trotz des schlüpfrigen Themas nicht sehr belacht wurde, gab es ein weiteres Lied, bei dem auch Bernd mitsang. Ganz ohne sächsischen Akzent, aber nicht besser. Auf die Feststellung: “Ich weiß jetzt auch nicht, was ich noch machen soll.” Kam der (abgesprochene?) Zuschauerruf: “Ausziehen!”, der endlich wieder lautes Gelächter hervorbrachte. Leider setzte Patrick Schleifer das dann auch in die Tat um. Er machte es von den verklemmten Bewegungen her ganz lustig, aber ich hoffte, die Zeit wäre um, ehe er fertig wäre. Nichts gegen nackte Männer, aber nicht so! Schuhe, Jeans, Socken und Boxershorts mußten ihren netten Platz verlassen und am Ende stand Patrick Schleifer in schlotternder Feinripp-Unterhose und Pullover da. Naja. War nicht witzig genug und ich fand’s sehr überflüssig.

Das Niveau konnte nur besser werden, aber dann wurde es gleich zu hoch. Tom van Hasselt brachte Ausschnitte aus seinem Programm “Jenseits von Tuten und Blasen”. Ich(!) war sehr nervös und drückte ihm fest die Daumen, war aber auch besorgt, weil er eigentlich zu anspruchsvoll für diese Veranstaltung war. Er spielte “Ich wär gern ein Star” und legte danach mit einigen seiner Wortspielereien los. Das Publikum hörte aufmerksam zu, war aber auf so etwas einfach nicht eingestellt. Für diesen Abend war es zu schwer. Bei “Hinter dem Mond” wurde ruhig zugehört und es klang wunderschön, war aber natürlich nichts comedyartiges zum Lachen. Erst bei den “Philosoffen” kam zögerndes Lachen auf und die Stimmung steigerte sich. Aber da war der Auftritt schon zu Ende. Tom van Hasselt hatte es sehr gut gemacht, wurde auch mit lautem Beifall bedacht, aber seine Sachen paßten leider nicht richtig in den Rahmen einer Spaß- und Satire-Veranstaltung. Überqualifiziert, sozusagen. Trotzdem ein guter Auftritt, denn er konnte zeigen, was er kann und vielleicht hat ihn jemand gesehen, der ihn an passenderer Stelle einsetzt. 

Fritz Litzmann erwischte danach zwei Frauen in der ersten Reihe beim Quatschen und wies sie vorwurfsvoll zurecht. Aufpassen war angesagt, um nachher ordentlich wählen zu können. Das Theater Türkis war als nächstes dran. Zwei Männer und zwei Frauen, alle türkisch, fast alle in Deutschland aufgewachsen, zeigten in Szenen und Sketchen deutsch-türkische Konflikte. Dabei wurden mit Genuß alle Vorurteile verbraten und es gab einiges zu Lachen. Allerdings war es manchmal auch etwas langatmig und so ganz schien mir auch dieser Punkt nicht in den Verlauf des Abends zu passen. Trotzdem war es lustig und als deutsche Türken konnten sie einige Sachen spielen, die bei deutschen Darstellern nicht witzig wirken würden. Die Parodie auf einen türkischen Macho kann eben am lockersten ein Türke spielen. Es gab schönen Applaus, aber es war nur gut, nicht umwerfend.

Nach der Pause freute sich Fritz Litzmann endlich über einen Bonner, den in der Eifel lebenden Rolf Persch. Der stand leicht zerknittert auf der Bühne und trug mit theatralischen Gesten seine Gedichte vor. Immer wenn er den Kopf senkte, war das Gedicht zu Ende. Das Kopfsenken war nötig, da man in den meisten Fällen den Schluß sonst nicht erkannt hätte. Es gab 4-Zeiler, 1-Zeiler und Undefinierbares. “Bleibt die Befriedigung eines gelungenen Stuhlganges. Oha - oho - wir müssen auf’s Klo.” Ich war kurz vor einem Lachanfall, weil ich es absolut blöd fand. Was war denn hier los? Kurz vorher hatte mich in Köln ein schwankender Herr mit Bierflasche in der Hand mit ähnlichen Sachen zugetextet, aber sowas auf der Bühne?? Ich wartete gespannt auf ein lautes “Hurz!”, aber es ging nur weiter mit diesen Ergüssen. Mir war klar, dass Rolf Persch seine Sachen sehr ernst nahm und sich etwas dabei dachte. Nur was? Also, ich konnte nichts damit anfangen und fand es superwitzig, dass ich in einem Theater saß und mir das anhörte. Hatte ich die Meise oder er? Na, wahrscheinlich bin ich nicht locker genug für diese Genialität oder einfach intellektuell unterentwickelt.

Der Flügel wurde wieder auf die Bühne gerollt und Evi und das Tier kamen auf die Bühne. Das Tier war in diesem Fall ein junger, sehr langer Pianist, der Evi, die rotgekleidet mit Federboa vor dem Mikro stand, am Flügel begleitete. Sie sang zart, süß, laut, jazzig wie aus den 40er Jahren in Amerika und der Pianist zog Grimassen und machte seine Show. Bei “Fever” wurde es ihm so heiß, dass er sich während des Spielens etwas entkleidete und sich so extrem rumlümmelte, dass der Handkameramann Probleme bekam, ihn auf’s Bild zu bekommen. Es war eine witzige Vorstellung, die mir ganz gut gefiel, aber ich weiß nicht, ob ich das einen ganzen Abend lang aushalten würde. Was sie an diesem Abend zeigten, war alles sehr ähnlich. Kam aber sehr gut beim Publikum an und wurde mit viel Applaus und Jubelrufen kommentiert.

Der letzte Auftritt des Abends war gekommen. Hilde Kappes von der Mosel wurde angekündigt, und Fritz Litzmann betonte, dass sie nicht so wäre, wie ihr Name. (Im Rheinland heißt der Weißkohl Kappes!) Sie sah bunt und leicht flippig aus und sprach ihre Ansage lächelnd in einer Phantasiesprache, die an tschechisch und russisch erinnerte. Dazu klopfte sie Rhythmen auf ein langes Abflußrohr, und Sprache, Pausen, Gekiekse und Klopfen wirkten zusammen wie ein großer Klangteppich. Ein Streitgespräch in fiktivem Japanisch, unterstützt von sparsamen Flügeltönen war auch ungewohnt, aber eindrucksvoll. Mit einem Effektgerät zusammen ließ sie ihre Stimme in einer Schleife (Loop) ablaufen, sprach oder stöhnte immer neue Geräusche dazu und war dabei wirklich kreativ. Hörte sich gut an, war für mich aber Spielerei. Klar macht so ein Loop Spaß, aber wenn man es kennt, weiß man, dass es eigentlich ganz einfach ist. Ich hielt sie aber nicht für jemanden, der nur billige Effekte macht, sondern für eine typische Performerin, die einfach aus allem Kunst macht. Sie wirkte voller Energie und ich nahm an, dass sie den ganzen Tag Sprache und Töne wirken lässt, auf alle möglichen Dinge trommelt und durchgehend Klangteppiche webt. Schön, aber anstrengend für die Umwelt. Sie konnte was, beeindruckte auch das Publikum, aber mein Fall war es nicht. Der Mann neben mir (Rüdiger) war schwer enttäuscht. Seit gestern hatte er sich auf ihren Auftritt gefreut, weil sie im Programmheft ein starkes Dekollté gezeigt hatte, und jetzt gab sie Geräusche von sich und spielte mit Effektgeräten. Ich flüsterte ihm grinsend zu: “Das ist doch die Frau mit dem super Ausschnitt.”  Resignierte Antwort: “Manchmal ist ein Ausschnitt besser, als das Gesamtprogramm!” Die meisten Zuschauer sahen das allerdings nicht so und applaudierten begeistert. Ein schöner Erfolg also für Hilde Kappes.

Es kam zur Wahl und schnell kreuzten alle Zuschauer ihren Favoriten des Abends an. Ich wählte Tom van Hasselt, auch wenn ich ihm wenig Chancen auf den Sieg einräumte. Er hatte mir an diesem Abend von allen Beiträgen am besten gefallen, aber ich war natürlich parteiisch, weil ich sein komplettes Programm kannte und toll fand. Aber von den anderen fünf Kandidaten hatte mir keiner besonders gut gefallen. Bei meiner Sieger-Prognose für diesen Abend hatte ich ‘Evi und das Tier’ und ‘Hilde Kappes’ ganz oben stehen. Eine von beiden würde heute gewinnen, aber ob das von der Stimmenanzahl gegen die Vertreter des Vortages ankommen würde?  

Während die Stimmen ausgezählt wurden und die Jury ihre Preisvergabe im Hinterzimmer diskutierte, gab es im Theater-Foyer Suppe. Wahlweise Gulasch oder Vegetarisch und sehr lecker. In der langen Suppen-Pause, die ich nicht weiter beschreiben muß, kann ich ja mal eben ein Lob auf Rainer Pause loswerden. Er hat als Fritz Litzmann sehr kurzweilig und lustig die Umbaupausen überbrückt und dabei jedesmal das Publikum zu Toleranz und viel Applaus motiviert. Er war spontan, reagierte auf das Publikum, gab nebenbei Informationen über die Darsteller ab und leitete geschickt zum nächsten Künstler über. Ein großes Vergnügen ihn zu sehen!

(So, Suppe gegessen, es geht zur Preisverleihung.)
Fritz Litzmann kam auf die Bühne und zog grinsend einen Umschlag aus dem Jackett. Es ging um die Publikumswahl und damit um den Preis “Beklatscht und Ausgebuht” Eine quäkige, laute Fanfare zeigte den feierlichen Augenblick an und es war richtig spannend. Fritz Litzmann warf einen schnellen Blick auf den Zettel und feixte dann freudig: “Ich weiß es schon!! Sie aber noch nicht!” Der Gewinner und somit Publikumsliebling war: Horst Evers!
Juchuh! Ich freute mich sehr. Vom Applaus und der Stimmung her war er der eindeutige Sieger der beiden Abende gewesen, aber ich hätte nicht gedacht, dass es klappt. Es gab vom Publikum langen, lauten Applaus und begeistertes Getrampel. Horst Evers kam auf die Bühne und freute sich sehr. Er lobte die schöne konkurrenzfreie Atmosphäre hinter der Bühne und sprach die Unvergleichbarkeit der einzelnen Vorträge an. “Das ist wie bei der Leichtathletik. Einer läuft 100 m in 10,3 Sekunden, der andere springt 6 meter 50 hoch. Wer hat gewonnen?” Dann nutzte er die Gelegenheit, kramte einen Zettel aus der Tasche, “Jetzt ist es ja so, dass ich gestern nicht fertig geworden bin...” und unter begeistertem Jubel las er seinen letzten, kurzen Text vor. Es gab wieder viel Gelächter und die Wahl des Publikumssiegers schien richtig verlaufen zu sein. Viel Applaus nochmal für Horst Evers.

Dann war der Jury-Preis “Frühreif und Verdorben” dran. Spannung im Publikum und bei den Kandidaten, außer bei Horst Evers, der wunschlos glücklich aussah. Fritz Litzmann öffnete den Umschlag und sagte: “Die Preisträgerin...” und damit waren natürlich die meisten Kandidaten, weil männlich, aus dem Rennen. “...ist Hilde Kappes!”. Großer Jubel und ebenfalls viel Beifall für diese Entscheidung. Konnte ich unterstützen und akzeptieren, auch wenn mir persönlich ihre Darstellung nicht so toll gefallen hatte.

Zum großen Abschlußbild kamen nochmal alle auf die Bühne, es wurde voll und sah klasse aus. Viele fröhliche Gesichter, gute Laune, lauter Beifall und zwei sehr gute, nicht anzweifelbare Siegerentscheidungen. Klasse! Im Foyer mischten sich danach Künstler, Jury, Freunde und Publikum und es gab ein eifriges Gratulieren, Umarmen und Unterhalten. Horst Evers wirkte völlig erschlagen von seinem Erfolg und ich freute mich sehr für ihn.

Ein Bild aber, das mir nicht aus dem Kopf geht, ist das von Kurt Krömer, dem erste Künstler des ersten Abends, der nicht besonders überzeugend gewesen war. Er stand ganz alleine an einem Tisch, schaute sich das Treiben still an und keiner stand bei ihm. War vielleicht ein Zufall, aber er sah da so nett und einsam aus, dass ich eigentlich gerne mal hingegangen wäre, um ein paar Worte mit ihm zu wechseln. Aber was sollte ich sagen? “Schön, dass du hier bist, auch wenn dein Beitrag nicht gut war” ??  “Nächstes Mal klappt’s besser” ?   Ich bin gegangen und bekomme das Bild des netten, ernsten, einsamen Clowns nicht aus dem Kopf. Etwas, das neben dem Lachen und der Freude auch eine Erinnerung an den Prix Pantheon bleibt. 

zum Bericht des 1. Wettkampftages

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