BODO WARTKE
Ich denke, also sing’ ich
8.10.2004, Schloß Morsbroich, Leverkusen

Im Spiegelsaal von Schloß Morsbroich hingen nur zwei Spiegel. OK, sie waren etwas größer, als die bei mir zu Hause, aber für ein Schloß jetzt nicht besonders groß. Außerdem stellte ich mir bei einem “Spiegelsaal” doch etwas mehr Reflektionsfläche vor. Der hohe, aber relativ kleine Raum sah trotzdem beeindruckend aus. Ein gigantischer, vierstöckiger Kronleuchter hing mit viel Geklunker in der Mitte des Raumes, ein schwarzglänzender Flügel stand vor dem offenen Kamin, in dem aus diesem Grunde wohlweislich kein Feuer brannte, und Wände und Decke waren reich mit Stuck verziert. Der erinnerte mich an gespritzten Zuckerguß, wodurch der Saal relativ lecker aussah. Ein seitlicher Balkon mit verschlungenem, goldenen Geländer ließ den Blick von oben auf die Szenerie zu, und das ganze Ambiente ließ einen klassischen Klavierabend vermuten.

Das Saallicht ging aus, ein Scheinwerfer an, Bodo Wartke betrat den Raum aus der schönen, hohen Holztüre neben dem Flügel, und ein mehrfaches, erfreutes “Aaaah!” war aus den Reihen der Zuschauer zu hören. Er passte genau ins Bild, als er sich ein wenig steif, eine Hand auf den Flügel gelegt, wie ein klassischer Pianist verbeugte. Sofort danach setzte er sich an die Tasten, begann sanft zu spielen und dazu mit braver Stimme zu singen: “Sah ein Knab ein Röhösleihein steh’n...” Aber er blieb nicht lange so brav, und der Vortrag nahm sowohl textlich, als auch musikalisch schnell eine Wendung. Beziehungsweise mehrere Wendungen, denn typisch für Bodo Wartke waren seine sehr lebendigen Vorträge, bei denen Musikstil und Tempo variierten, um sich immer perfekt dem Text und der Stimmung anzupassen.

Das Publikum amüsierte sich von Anfang an und bekam richtig Spaß, als es von Bodo danach begrüßt wurde. “Können Sie sehen da oben?” fragte er zum Balkon hinauf und bat während der Vorstellung nichts von dort runter zu werfen. Einige Zuschauer wiesen auf den großen Spiegel hin, der über dem Kamin hing und in dem die Scheinwerfer, die den Flügel davor ausleuchten sollten, stark blendeten. “Tja, das ist der Spiegelsaal”, stellte Bodo Wartke fest, “können wir da was machen?” “Etwas drüberhängen!” schlug eine Dame vor, woraufhin Bodo freudig zustimmte: “Ja. Haben Sie was dabei? Ein großes Stück Stoff zufällig?” Sie konnte aber nur ihren Pullover anbieten. Bodo Wartke überlegte und machte dann kurzentschlossen den Flügel auf. Die Klappe ragte ein Stück vor den Spiegel und hielt das Licht ab. “Besser so?” fragte er ins Publikum. Viele fanden das Ergebnis recht gut, aber ein Mann schlug vor: “Jetzt noch die Ecke links raussägen und rechts ansetzen!” Bodo Wartke guckte ihn begeistert an: “Ha’m Sie ‘ne Säge?” Dann gab er den Tipp: “Man sollte zu einem Konzert von Bodo Wartke immer Stoff und ‘ne Säge mitnehmen.”

Er ging herum, begrüßte einige Neuzuschauer mit Handschlag und stellte fest: “Hier ist noch’n freier Platz. Kommt da noch jemand?” Der Mann daneben verneinte und Bodo grinste: “Dann setz ich mich mal. Wie heißen Sie?” Es war Ralf, der den Namen etwas zögerlich angab, weil er wohl ahnte, dass er damit im Verlauf des weiteren Programmes immer mal wieder angesprochen werden würde. Bodo Wartke begab sich nach kurzem Gespräch wieder zum Flügel und erklärte auf dem Weg: “Wenn hier noch einer geblendet wird - neben Ralf ist noch ein Platz frei.” Daraufhin huschte eine Dame von weiter hinten auf den Sitz, was von Bodo natürlich sofort registriert wurde: “Sehen Sie da vorne besser, oder kennen Sie Ralf persönlich?” Das Publikum hatte Spaß und lachte locker und gut gelaunt.

Zwischen den vielen Liedern gab es auch vorgetragene Gedichte zu hören. Das erste ging über Kain und Abel und war so herrlich abgedreht, wie das von Bodo Wartke zu erwarten war. Aber es war nicht nur einfach in rhythmischen Reimen auswendig aufgesagt, sondern schnell, deutlich, sehr ausdrucksstark und mit unübersehbarem schauspielerischen Talent vorgetragen. Ich machte mir keine Sorgen um die Zukunft von Bodo Wartke, denn der war auch ohne Tasten klasse. Nicht, dass ich mir bis dahin irgendwelche Sorgen um ihn gemacht hätte, aber nun war ich so beeindruckt, dass ich gar nicht mehr auf den Gedanken kam, mir Sorgen machen zu wollen, falls noch jemand versteht, was ich damit sagen möchte. Wenn nicht - einfach vergessen!

Um den Vortrag besonders ausdrucksvoll zu gestalten, machte er kleine, spannungsvolle Kunstpausen, in die promt eine Dame das passende Reimwort einfügte. Nachdem sie das zweimal gemacht hatte, unterbrach Bodo und ermahnte lächelnd: “Das ist jetzt aber auch kein Lückentext hier!” An der nächsten Stelle mit Pause guckte er schnell zu ihr rüber und hielt freundlich den Finger an seine Lippen. “Psst!”

Da der Spiegelsaal relativ klein war, saß das Publikum bis nah an den Flügel und Bodo Wartke konnte schnell auf die Reaktionen der Zuschauer eingehen. Was er auch mit großer Freude und zur Erheiterung des Publikums machte. Das ließ sich willig durch den Abend führen und reagierte genau so, wie Bodo es wollte. Er baute Spannung auf, die alle ganz ruhig werden ließ, löste sie plötzlich auf, so dass schallendes Gelächter erklang, um sofort wieder mit sanften Klängen zu beschwichtigen. Die Gefühlsstimmung im Publikum änderte sich ständig, aber immer so, wie Bodo es geplant hatte. Außerdem hatte er den Mut zu Pausen. Nur wenige, leicht angeschlagene Töne klangen durch den Raum, und er hatte Zeit genug sie verklingen zu lassen, ehe er weitersang. Das Publikum blieb gebannt und hörte aufmerksam zu.

Beim einem Lanzelot-Gedicht war er schon weit vorgeprescht und hatte es bis dahin mit überschäumender Energie vorgetragen, da stockte er plötzlich und wusste nicht weiter. “Jetzt bin ich draußen. Das ist mir noch nie passiert”, stellte er mit normaler Sprechstimme fest. Er versuchte vergeblich in den letzten Vers zu kommen und wandte sich hilfsuchend an das Publikum: “War jemand schonmal da?” Eine Frau meldete sich zaghaft: “Ich, aber ich hab’s vergessen.” “Ja, ich auch”, nickte Bodo verständnisvoll. Er überlegte, wiederholte einige Verse und sagte dann: “Also sinngemäß passiert jetzt Folgendes...” und versuchte mit einem Sprung wieder in den Vortrag zu kommen. Vergebens. Jammernd wandte er sich an den Veranstalter, der am Rand saß: “Herr Scholz, zieh’n Sie mir’s von der Gage ab!” Die Zuschauer lachten herzlich, denn es war zwar eine Panne, und Bodo nahm sie nicht gerade erfreut hin, blieb aber trotzdem so locker, dass es Spaß machte, ihm bei der Suche nach dem Anschlußsatz zuzusehen.

“Ich spul mal was vor”, beschloss er schließlich und setzte ein paar Zeilen weiter hinten ein. Sofort war er drin, wischte sich den Schweiß von der Stirn und seufzte am Ende des nächsten Reimes zufrieden: “Boah, das war knapp!” Aber sofort war er wieder draußen: “Die Laune... neee.....” Vergnügtes Gelächter im Publikum, und Bodo riet: “Wenn Sie das Gedicht mal GANZ hören wollen - gibt’s auch auf CD.” Aber dann war er plötzlich doch wieder drin und spielte es temperamentvoll bis zum Ende durch. Das gab natürlich dicken Extraapplaus.

Nach der Pause ging es ähnlich wie zuvor weiter, nur dass es andere Lieder und Gedichte und ein anderes Hemd bei Bodo gab. Es war jetzt rot und nicht mehr gelb. Er freute sich, als er zurückkam: “Schön, dass noch alle da sind!”, stand auf und blinzelte besorgt in den dunkleren Zuschauerteil: “Sind noch alle da? Ralf??”


Kurzweilig und abwechslungsreich ging es weiter, und bei den ersten Anfangstönen von ‘Ja, Schatz’ stuppste eine junge Frau freudig ihren Vordermann an und flüsterte aufgeregt: “Das ist es!!” Nee, was war der Bodo Wartke süß, als er sich so verschämt und nur schwach unterdrückt freute! Ich grinste breit, hatte Spaß und freute mich ab den ersten Tönen auf den Schluß des Liedes. Da brüllten die Neuhörer vor Lachen auf und ich lachte mit.

Eine schauspielerische Glanzleistung mit mehreren, schnell wechselnden Rollen war “Ödipus”. Rasant und von leisen, drohenden Sätzen bis hin zu gewaltigem Gebrüll spielte Bodo die Dialoge und wechselte ständig die Standplätze und Verkleidungen.

Plötzlich explodierte bei einem wütend ausgerufenen Satz ein Schwall von feinen Spucketröpfchen und traf eine Zuschauerin in der ersten Reihe. Sofort unterbrach Bodo tief zerknirscht den Vortrag und entschuldigte sich: “Oh, das tut mir leid! Das ist bei F-Lauten, aber sooo viel?”








Aufgedreht sagte er immer wieder: “Tut mir total leid!” , schüttelte ihre Hand und guckte betroffen. Danach versuchte er sich bei F-Lauten schnell zur Seite zu drehen oder die Hand vor den Mund zu halten, was den Vortrag für die Zuschauer natürlich noch viel witziger machte, als er es ohnehin war. Vor allem die Ernsthaftigkeit, mit der er das in aller Hektik der schnellen Rollenwechsel machte, war grandios! Ich lachte mich schlapp. Nach der letzten Zeile sagte er sofort ein zerknirschtes: “’Tschuldigung, nochmal!” in Richtung der Dame, trank dann an seinem Wasserglas und grinste: “Mal nachfüllen....”

Den ganzen Abend über genoß ich die manchmal sehr abgedrehten Reime und freute mich über die bis in die nächste Zeile gezogenen Wörter, die zwangsweise umbrochen wurden, damit es sich reimte.

“Kein Gewinn
für mein Wohlbefinn
den.”

Dass “Feeling” auf “Darjeeling” und “Mondlicht” auf “lohnt nicht” gereimt wurde, waren nur die kleinen i-Tüpfelchen, die micht immer wieder breit grinsen liessen. Der hatte das mit den Wortspielereien einfach drauf.

Leider war irgendwann das Ende des Programmes erreicht, und laut beklatscht und sogar mit einigen Standing Ovations und einer kleinen La-Ola-Welle im ehrwürdigen Spiegelsaal geehrt, kam Bodo zurück und gab die Zugaben. Am Ende ließ er das Publikum über das letzte Lied abstimmen: “Claudia oder Monica?” “Monica!” riefen die meisten, aber einige wünschten auch: ”Beide!” “Habt ihr so viel Zeit?” lachte er und beschloss: ”Ich mach zuerst das für Claudia und danach geh ich nicht nochmal raus. Ist ja blöd.”

Es gab also zuerst Claudia, dann die wunderbare Monica und weil der Applaus nicht endete, auch noch ein zahnärztliches Gedicht. Für das musste Bodo sich zwei Tischtennisbälle in den Mund stecken, fragte etwas undeutlich: “Kamma mis was-tehn?” und bekam selber Lachanfälle. Es war superwitzig und keiner im Saal konnte sich ernst halten. Als jemand völlig hemmungslos laut lachte, guckte Bodo Wartke besorgt und fragte nuschelnd: “Brauchen Sie ‘ne Pause?”, woraufhin alle wieder losplatzten. Ich hatte schon leichte Schmerzen in den Wangen vom ununterbrochenen Lachen, aber er zog das Gedicht von Lachanfällen unterbrochen durch und verabschiedete sich dann mumpsgesichtig und zufrieden grinsend.

Ein richtig guter Abend mit einem lockeren, souveränen, wunderbaren Bodo Wartke.

Mein Tipp: Unbedingt mal hingehen! Aber echt!
 

www.bodowartke.de

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