Hinweis: Dieser Bericht ist eindeutig aus persönlicher, subjektiver Sicht geschrieben. Musik ist Geschmacksache -  nicht jeder hat Geschmack. Über meine Meinung zum musikalischen Teil wird es mit Sicherheit genau gegenteilige Ansichten geben, aber damit kann ich gut leben. Außerdem gibt es viel über die Wise Guys zu lesen, aber das wird Kenner kaum verwundern.

KÖLLE  LIVE  2004
Das kölsche Musik-Event. Open-Air.
18.9.2004, RheinEnergieStadion, Köln

“45.000 frenetische Fans werden singen, feiern, schunkeln, tanzen und dem Namen RheinEnergieStadion alle Ehre machen. Acht Stunden Hit an Hit: Am 18. September 2004 wird in Müngersdorf ein neues Kapitel Kölner Musikgeschichte geschrieben.”

Was mich im Vorfeld zu Kölle live am meisten nervte, war die penetrante Werbung. Monatelang bekam ich überall in Köln Flyer zugesteckt, in denen auf die Veranstaltung hingewiesen wurde, und jede Woche standen große Berichte in diversen Zeitungen, die mir erzählten, dass ich mich nun schnellstens um Tickets bemühen müsse, da der Vorverkauf gewaltig liefe. Es schien einen gigantischen Tickettopf zu geben, der trotz ständiger Verkäufe die Eintrittkarten wie bei einem nie endenden Hirsebreifluß ausspuckte. Schon Wochen vor dem Termin hatte ich werbungstechnisch das Gefühl, dass mindestens 2 Milliarden Tickets verkauft sein mussten und die Interessenten immer noch Schlange standen. Also nee. Man kann auch zu viel Werbung machen und damit unglaubwürdig und nervig werden.

Außerdem: Was war das für eine Zusammenstellung?
“5 Konzerte zum Preis von 1!  Höhner, Bläck Fööss, Brings, Wise Guys, LSE” Dazu gab es noch Jürgen Zeltinger mit Band, den Jugendchor St. Stephan, die Cheerleader des 1. FC Köln, Dudelsackpfeifer und die Junge Sinfonie als musikalische Begleiter und Linus als Moderator.
Da war zwar für jeden was dabei, aber die Chance, dass jemandem alles gefallen würde, gab es kaum. Ich kannte Leute, die gingen genau wegen der Gruppen hin, auf die ich am liebsten komplett verzichtet hätte. Wie sollte das Konzert bei solchen Voraussetzungen richtig erfolgreich werden? Außerdem befürchtete ich, dass ein Großteil der Besucher nicht gerade Lust auf anspruchsvolle Musik haben würde, sondern lieber mit lautstarker Musikunterstützung feiern wollte.

Am Tag vor dem Konzert begannen die ersten Soundchecks im Stadion. Während die große Rasenfläche noch aufwändig mit einem Schutzbelag versehen wurde, sangen und spielten die ersten Gruppen ihre Stücke an, um den Ton für den nächsten Tag möglichst passend einzustellen. Dabei ging es nicht nur um den Sound im Zuschauerbereich, sondern auch die Monitore auf der Bühne mussten so eingestellt werden, dass der Klang dort gut zu hören war.


Als die Wise Guys kamen, waren gerade noch die ‘Höhner’ zusammen mit der ‘jungen Sinfonie’ dran. Obwohl sich sehr viele Menschen auf der Bühne befanden, sahen sie in dem riesigen Bühnenaufbau klein und sehr unscheinbar aus. Unten wuselte das Leben, darüber war ganz viel leerer Raum. Die ‘Höhner’ übten mit der Sinfonie ihren Finalsong, und der Sound war unglaublich laut und hallte von den oberen Stadiondächern gewaltig zurück. Sehr beeindruckend, aber irgendwie auch unheimlich. Nach dem letzten Ton gab es einen Nachhall von bestimmt 10 Sekunden, und ich dachte: “Wow!” Und: “Wenn das mal gut geht!”


Der Soundcheck der Wise Guys begann und es stellte sich heraus, dass es diesen gewaltigen Hall nicht nur im Zuschauerbereich, sondern auch auf der Bühne gab. Das war mit Instrumenten vielleicht noch einigermaßen zu verkraften, wenn man sich darauf verlassen konnte, dass der gespielte D-Dur-Akkord auch D-Dur war, aber fünf Stimmen in diesem Klangbrei harmonisch aufeinander abzustimmen, war nicht einfach.

Es dauerte eine ganze Zeit, bis die Wise Guys alles so eingestellt hatten, dass es den in diesem Fall bestmöglichen Klang hatte. Der Hall war immer noch erschlagend, aber das konnte am nächsten Tag viel besser sein, wenn die Zuschauerränge voll mit Publikum, in diesem Falle Dämmmaterial waren. Der Zuschauer also in der Rolle des Eierkartons im heimischen Kellerstudio.




Als der Soundcheck beendet war, warteten schon die Bläck Fööss an der Rampe, um die Bühne zu übernehmen. Die Wise Guys wirkten nicht gerade euphorisch, sahen dem nächsten Tag aber trotzdem recht optimistisch entgegen. Auf jeden Fall waren sie nicht zu leise gewesen. Das war ja schon mal was.

Der Samstag als Konzerttag zeigte sich in strahlendem Sommerwetter und war richtig schön warm. Wer nicht zu den 2 Milliarden Ticketkäufern gehörte, der im Vorfeld gekauft hatte, konnte sich für die Abendkasse entscheiden, bei der es immer noch ausreichend Nachschub gab. Oder für ebay, wo es die Karten schon ab einem Euro gab, aber da kam ja immer noch das Problem mit der Abholung dazu.

Um 12 Uhr waren die letzten Soundchecks beendet. Die Tonverbindungen von den Kameras zur Bildregie klappten noch nicht richtig, aber das gefilmte Bild konnte schon auf die Leinwände übertragen werden, während noch Leitungen gezogen und überprüft wurden. Die Künstler hatten ihre Garderoben im Spielerbereich, und angeklebte Schilder an den Türen zeigten, wo jeder hingehörte. Die Wise Guys waren im Raum “Ärztliche Untersuchung” untergebracht, der mit Tisch und Stühlen aber völlig normal aussah. Es gab weder Zahnarztbohrer, noch Koffer-Röntgengerät.

Eine Etage darüber war der Presseraum zum Cateringbereich geworden. Hier hielten sonst Spieler und Trainer ihre Pressekonferenzen ab, von denen ich manchmal Ausschnitte im Fernsehen sehen konnte. Jetzt gab es den ganzen Tag lang warme und kalte Verpflegung, und an den Tischen trafen sich sowohl die technischen Mitarbeiter, wie auch die auftretenden Künstler, um Kaffee zu trinken, etwas zu essen, oder sonstwie die Zeit rumzukriegen.

Währenddessen gab es im Innenbereich des Stadions den ersten Ärger. Um 13:30 Uhr waren die Eingänge geöffnet worden und die Besucher kamen nach und nach ins Stadion. Es hatte Karten für verschiedene Sitzplatzkategorien gegeben, sowie für den Innenbereich. Vor der Bühne waren am Morgen Metall-Drängelgitter aufgebaut worden, die den Bereich in Abschnitte unterteilten. An sich ja keine schlechte Idee, aber die Organisatoren hatten sich etwas ganz Besonderes ausgedacht. Die Besucher wurden an den Eingängen gefragt, ob sie in den vorderen 1. Bühnenbereich kommen wollten, in den 2. dahinter, oder in den übrigen freien Innenraumbereich, in dem sich auch die Getränkestände befanden. Entsprechend ihrem Wunsch wurden sie dann entweder mit einem grünen Plastikarmband für den 1. Bereich, einem gelben für den 2. , oder mit gar nichts für den großen Hauptbereich gekennzeichnet. Ordner an allen Übergängen passten auf, dass sich niemand in den falschen Bereich schlich. Das einzige Problem war, dass die meisten Zuschauer vorher nicht gefragt wurden. “Der hat mit am Eingang gesagt, wenn ich kein gelbes Plastikarmband nehme, komme ich nicht rein!” beschwerte sich eine Frau, die sich im mittleren Bereich gefangen sah und nicht zu ihren Freunden in den vorderen Bereich gehen durfte. Eine andere wurde richtig wütend und schimpfte: “Muss ich mir jetzt das blöde Plastikding abreißen, damit Sie mich hier durchlassen?”

Auf der anderen Seite gab es im großen Bereich enttäuschte Besucher, die nach vorne an die Bühne wollten, aber kein grünes Armband bekommen hatten und nun vor der Drängelgitter-Barriere stehen bleiben mussten. “Ich habe 35 Euro für den Innenraum bezahlt, und jetzt darf ich mir nicht mal aussuchen, wo ich mich hinstelle!” motzte ein Mann, und ein anderer fragte ungläubig nach, als er erfuhr, dass er nicht zu seinen Bekannten am sonnigen Bierstand im Innenbereich gehen durfte, sondern für ihn der Pavillon im überdachten Bereich zuständig war. Dass man die beiden vorderen Bereiche bei zu hohem Andrang absperren konnte, war im Prinzip eine gute Idee, aber einige Leute zwangsweise dort einzupferchen, die lieber im hinteren Bereich gewesen wären, war ziemlich blöde organsisiert. Außerdem waren sie nicht mal halb voll, so dass viele Leute, die sehr gerne nach vorne gegangen wären, dort auch noch locker einen Platz gefunden hätten.

Das Stadion war noch lange nicht voll, da kam ziemlich pünktlich der Moderator Linus um 14:30 Uhr auf die Bühne und begrüßte das Publikum. Als erster Programmpunkt war Jürgen Zeltinger mit seiner Band da, und es wurde laut, laut, LAUT. Und hallig. “Der Klang ist saumäßig!” sagte jemand neben mir und ich nickte zustimmend. Zeltinger grölte, der Hall füllte das Stadion, und die Songs klangen hart und laut wie knalliger Punk. Das war also das “Programm für die ganze Familie”. Ich verstand kein Wort. Immer nur ein gröliges Sprachgemisch mit einem phonetischen Endreim. “Munamadimillemesse, hunamadifidifresse....” Häh??

Zur Unterstützung des Liedes ‘Müngersdorfer Stadion’, das inzwischen ja eigentlich RheinEnergieStadion hieß, kam der Jugendchor St. Stephan zu Zeltinger und seiner Band auf die Bühne. Vorne wurde von Zeltinger abgerockt, und hinten kamen ordentlich in einer Reihe die Jugendlichen dazu und schwenkten große, rot-weiße Fahnen. Es war ein farbenfrohes Bild und sah genauso aus, wie ein Aufmarsch zum ‘Tag der Arbeit’ in der DDR. Hören konnte man vom Chor nicht viel, aber er war wohl sowieso eher für die Optik da. Ein schöner Kontrast zu den schwarz angezogenen Zeltinger-Rockern.

Nach nur 15 Minuten war die Zeltinger-Dröhnung vorbei, und der Jugendchor St. Stephan führte sein eigenes Programm vor. Also OK. Der Chor hat viele Fans, und ich finde das auch sehr schön, wenn Jugendliche Musik machen und damit eine schöne, sinnvolle Freizeitbeschäftigung haben. Sie machen das auch immer recht poppig und haben recht gute Solostimmen dabei, aber so richtig gut gefällt mir das trotzdem nicht. Das ist mir zu seicht, zu viel auf Show aufgebaut und einfach zu leichte Unterhaltungskost. Damit will ich jetzt keinen von den Jugendlichen beleidigen, weil es bestimmt Spaß macht, in dem Chor zu singen und viele Auftritte und CD-Aufnahmen zu haben, aber mit dem Potential könnte man auch richtig klasse vierstimmig singen und müsste nicht eine Art ‘Best-of-Andrew-Lloyd-Webber’-Programm vorführen. Aber wie gesagt, ist ja alles Geschmacksache. Moderator Linus rief zur Abmoderation: “Das ist Gänsehaut pur!” und ich nickte, denn die konnte man ja aus verschiedenen Gründen kriegen.

Die Bläck Fööss kamen, und ich war sehr gespannt. Seit dem Weggang von Tommy Engel war ich mit ihnen nicht mehr richtig warm geworden, weil nach meiner Meinung ein großer Teil spannender Kreativität verloren gegangen war, und ich in ihren neuen Stücken nicht mehr den Reiz fand, der mich früher so begeistert hatte. Mein letztes Bläck Fööss Konzert lag viele Jahre zurück, als noch Tommy Engel der Frontman war, und ich wollte schon seit längerer Zeit mal wieder auf ein Konzert von ihnen, um mir eine aktuelle Meinung über die Gruppe bilden zu können. Früher habe ich sehr viel von den Bläck Fööss gehört, so dass die alten Songs unbedingt zu meinem Leben und meiner musikalischen Entwicklung gehören. Außerdem fand ich Hartmut Priess immer so nett, und ausgerechnet mit ihm hatte ich mich schon am Vortag sehr interessant unterhalten können.

Wahrscheinlich ahnten die Bläck Fööss meine inneren Zweifel und handelten sehr geschickt, indem sie ihre alten Hits spielten. Die kannte ich in- und auswendig und mir ging sofort das Herz auf. Hey, da stand ein Teil meiner Jugend, genau wie ich in den letzten 25 Jahren nur unwesentlich älter geworden, und spielte die Lieder, die mich seit Jahren begleiteten.


Obwohl ich im Vorfeld mehr als skeptisch war, ob mir der Auftritt der Bläck Fööss gefallen würde, war ich dann ziemlich schnell sehr angetan. Mir persönlich fehlte zwar Tommy Engel, der bei meinem letzten Konzert ja noch vorne gestanden hatte, und es kam mir vor, als wäre die Gruppe irgendwie nicht komplett, aber was ich hörte, fand ich ziemlich gut. Naja, bei der ‘Kaffeebud’ und anderen Sachen aus der Zeit wurde ich eben voll getroffen und war wieder Fan.

Die damalige Trennung hatte ich übrigens ohne Widerspruch akzeptiert. Es gibt Situationen, da geht es nicht mehr weiter, und dann muss eben Schluss sein. Künstlerisch vielleicht schade, menschlich aber sehr gut zu verstehen.

Die Stimmung im Stadion war toll. Der Klang zwar immer noch recht hallig, aber sogar auf den hintersten Rängen sangen Zuschauer mit und schwenkten die Arme im Takt. Die Bläck Fööss trafen die kölsche Seele. Sogar einige Ordner guckten streng in die Menge und sangen dabei die vertrauten Texte mit. ‘Dat Wasser vun Kölle’ wurde so laut mitgegrölt, dass es sich schon fast wie bei Fangesängen aus der Südkurve anhörte. Blauer, wolkenloser Himmel, strahlende Sonne, T-Shirts, Mitgesinge, gute Laune  - das war ein echtes Sommer Open Air. Toll! Zum Ende des Auftrittes kamen die ‘Caledonian Pipes’, eine Gruppe von Dudelsackspielern dazu, und es ging nochmal richtig ab.

Währenddessen machten sich die Wise Guys fertig für ihren Auftritt. Wo sonst die FC-Spieler im Dauerlauf zum Rasen hochrannten, gingen sie gemächlich die Stufen hoch, hörten den letzten Takten der Bläck Fööss zu und liefen dann in Richtung der Bühne, um dort im Hintergrund auf ihren Auftritt zu warten.

Zur gleichen Zeit ging Linus mit einem Kameramann zu den Garderoben, um ein Interview zu machen, welches nach draußen auf die Leinwände übertragen wurde. “Mal schauen, wen wir hier haben”, sagte Linus, als er die Garderobe betrat, und war sehr überrascht, als er auf die Jungs von Brings traf. Komisch. Ich hatte vorher mitbekommen, dass die Garderobe extra dafür hergerichtet wurde und Linus mehrfach vom Brings-Interview gesprochen hatte, aber das hatte er inzwischen wohl wieder vergessen. Die Brings standen hinter einem Laken und ließen nur die Köpfe sehen. Nachdem sie mehrfach betont hatten, dass sie in der Garderobe ganz brave Familienväter seien, kamen einige Cheerleader des 1. FC Köln hinter dem Laken hervorgesaust und rannten aus dem Raum in Richtung der Bühne. Linus war schon wieder total überrascht.

Als die Mädels auf der Bühne angelangt waren, wo schon ihre Kolleginnen warteten, gab es ein kurzes Cheerleader-Tanzprogramm, in dem einige Karnevalshits und einige Musikaussetzer vorkamen. Die Mädchen hatten fast alle lange Haare und kurze Röckchen, sprangen strahlend lächelnd über die Bühne und puschelten herum. Kurz vorher hatten sie sich im Spielerbereich aufgewärmt und eingetanzt, wobei sie schon perfekt eingekleidet und geschminkt waren, viele von ihnen die Haare aber noch auf große, bunte Lockenwickler gedreht hatten. Das war ein wunderbarer Kontrast zum glitzernden Augen-Make up. Zum Glück hatte keine von ihnen verpaßt die Wickler bis zum Auftritt zu entfernen und so konnten alle Haare locker und seidig durch die Luft schwingen. Einer der Kameramänner kam bei der Suche nach dem optimalen Bild zu nah und bekam bei laufender Kamera einen Puschel vor’s Objektiv gedonnert, gerade als sein Bild auf die Leinwände übertragen wurde. Er filmte unberirrt weiter, ging dabei aber lieber einen Schritt zurück.

Der Auftritt der Cheerleader endete mit einer Schlußpose, bei der die silbernen Puschel zum Schriftzug “KÖLLE” gehalten wurden, dann kündigte Linus die Wise Guys an. In der Zwischenzeit war Hartmut Priess vom Bläck Fööss Auftritt zurück und sagte mir im Vorbeigehen: “Auf der Bühne war ziemliches Ohrenchaos.” Na, das klang ja vielversprechend.
















Die Wise Guys hatten ihr Programm auf Köln und Mitsing-Hits ausgerichtet, um sich nach Möglichkeit dem Geschmack der Besuchermassen anzupassen. Laut und gewaltig hallten ihre Stimmen durch das Stadion und  - hallten dabei gewaltig laut. Je nachdem, wo man saß, verstand man kein Wort. Besonders die oberen Tribünenplätze versagten akustisch gesehen total. In einigen Bereichen gab es Fans, die begeistert mitsangen, auch vor der Bühne gab es Interesse, aber im allgemeinen wollten die Zuschauer eher etwas karnevalsmäßiges zum Mitsingen. Dabei fand ich das ausgewählte Programm für diesen Termin eigentlich sehr gut:
Mädchen lach doch mal
Jetzt ist Sommer
Deutscher Meister
Ohrwurm
Kölner
Einer von den Wise Guys
Nur für dich
Nein, nein, nein
Sing mal wieder.

Aber schon beim Deutschen Meister waren die Reaktionen nicht so, wie ich sie erwartet hatte. Der ‘Deutsche Meister’ im Kölner Stadion, vor Kölnern, hätte eigentlich abgehen müssen, aber das Interesse war mäßig. Es hörten zwar viele Leute zu, auch auf den Tribünen sah man zwischendrin Gruppen, die im Takt die Arme schwenkten, aber es blieb in vielen Bereichen unruhig und es kam keine richtige Stimmung auf. Also nicht das, was die Wise Guys sonst gewohnt waren.


Durch den breiigen Klang auf der Bühne wurde die Lage zusätzlich erschwert. Mit großer Konzentration ging es recht gut durch das Programm, aber beim ‘Kölner’ versanken die Fünf im wabberigen Hallsumpf und kämpften angestrengt, um an der Oberfläche zu bleiben. Enge Harmonien, fünfstimmige Klänge, sanfte Akkordwechsel - das war bei diesem Sound schwer. Mittendrin riß sich Ferenc den Ohrstöpsel heraus, um irgendwie über die Monitore besser hören zu können, und die hochkonzentrierten Blicke, die sie sich gegenseitig zuwarfen, zeigten, wie angespannt sie waren. Wahrscheinlich haben die meisten Zuschauer, sofern sie überhaupt zuhörten oder zuhören konnten, gar nicht mitbekommen, dass das Lied nicht so lässig wie sonst war, aber ich war froh, als der Kölner vorbei war, und es harmonisch besser weiterging.

Der Auftritt war für 45 Minuten geplant, aber kurzentschlossen warfen die Wise Guys ’Nur für dich’ aus dem Programm, weil das ein Zuhör-Lied war, das in diesem Fall nicht gewirkt hätte. So kam es, dass sie zwei Minuten früher, als geplant fertig waren, aber nicht sehr traurig darüber waren. Das war einfach nicht der richtige Ort, nicht der richtige Sound, und nicht die Stimmung für ein Wise Guys Konzert.

In der Zwischenzeit waren Brings auf dem Weg zum Auftritt ganz nah an mir vorbeigelaufen, und ich wunderte mich etwas über ihre engen Nadelstreifenanzüge. Die saßen ja wirklich hauteng und sahen aus wie aus Neopren. Gab es Taucheranzüge im Nadelstreifenlook? Erst als ich später einige Meter weiter entfernt von ihnen vor der Bühne stand, bekam ich plötzlich große Augen. Die hatten ja nur eine Art Badehosen an! Der Rest war auf die Haut gemalt! Wahnsinn! Wieso hatte ich das aus zwei Metern Entfernung nicht erkannt?

Die Meinung im Publikum über die Musik von Brings war geteilt. Bei manchen Liedern wurde mitgesungen, bei anderen war es laut und unruhig im Stadion. Sehr verwunderlich. Normalerweise ging bei Brings die Post ab, und erst vor einigen Wochen hatte ich erlebt, wie sie die Stimmung auf der Domplatte innerhalb weniger Minuten hochgejagt hatten. Den Auftritt bekam ich nach den ersten beiden Liedern allerdings nur über einen Monitor im Innenbereich mit, weil ich schnell von der Stimmungsmusik mit den 120 Refrainwiederholungen genervt war, die Brings in der letzten Zeit verstärkt machte. Dabei konnten die so wunderschöne, tiefgehende Lieder machen. Allerdings wären die an diesem Tag im Stadion sowieso nicht angekommen.

Beim letzten Lied setzte sich Peter Brings in einen Wasserbottich und wusch sich den Anzug ab, und spätestens da hätte ich gemerkt, dass der nicht zum Tauchen geeignet war. Was für eine witzige Idee!

Im Zuschauerbereich gab es inzwischen eine Menge Klagen. Der Klang war in vielen Stadionbereichen nicht annähernd als gut zu bezeichnen, an einigen Ständen war das Bier ausgegangen, an anderen die Brötchen oder die Würstchen, es gab lange Schlangen vor den Verkaufstheken und das Wechselgeld fehlte. Wer am falschen Stand war und nicht passend bezahlen konnte, bekam nichts. Oder er hatte sich lange angestellt und hörte dann, dass es nicht mehr gab, was er haben wollte. Außerdem waren viele Zuschauer seit mehr als fünf Stunden im Stadion, es war warm und laut, die ersten fielen in ein kleines Tief, die anderen waren mit alkoholischen Getränken gut versorgt und feierten von alleine Karneval.

Zu diesem Zeitpunkt kam LSE auf die Bühne. Eine Kultgruppe, deren seltene Auftritte sehr umjubelt waren. Tommy Engel, Rolf Lammers und Arno Steffen hatten nicht nur die Anfangsbuchstaben ihrer Nachnamen, sondern auch viel Kreativität und musikalisches Können in die Gruppe gesteckt. Ich fand sie echt gut und freute mich sehr auf den Auftritt.


Leider zeigte sich auch hier, dass ein Großteil des Publikums kein Interesse an dieser Art von Musik hatte. Je später es wurde, desto mehr wurde nach feiern verlangt. Es war deutlich zu spüren, dass der simpelste Karnevalshit sofort mit Begeisterung aufgenommen worden wäre, während die richtig gute Musik von LSE für viele Anwesende zu anspruchsvoll war. Super schade! Aber es war genau das eingetreten, was ich im Vorfeld befürchtet hatte: Der Kölner ansich möchte, wenn er im Stadion kölsche Musik hört, feiern. Und das geht nur mit einfachen Melodien und überschaubaren Texten. 

Mir gefiel der Auftritt von LSE sehr, zumal ich sie noch nie live erlebt, sondern immer nur zu Hause auf CD gehört, oder mal im Fernsehen gesehen hatte. Ich ärgerte mich total, dass so viele Zuschauer kein Interesse zeigten. Die verpassten so gute Sachen! Naja, das war wieder die Frage nach dem Geschmack. Der von mir war ganz sicher nicht übereinstimmend mit dem der meisten anderen Stadionbesucher.

Am Schluß kamen die Höhner zusammen mit der Jungen Sinfonie auf die Bühne und zogen mit einem superdicken Wahnsinns-Sound und dem gewünschten Liedangebot die Massen mit sich. Schon nach kurzer Zeit wurde gewaltig mitgesungen und die Stimmung ging steil nach oben ab. Es kann sein, dass man jetzt schon erahnt, dass ich nicht unbedingt ein Fan der Höhner-Stimmungsmusik bin. Das ist einfach so. Ich gehöre auch zu den wenigen Leuten, die sich weigern beim Refrain von ‘Viva Colonia’ mitzusingen. Das kann ich einfach nicht! Schon wenn ich das Lied hören muss, fühle ich mich unwohl, und das ist echt wahr!

Für die Massen im Stadion reichte aber eine eingängige Melodie, ein paar Schlagwörter wie ‘Colonia’, ‘Liebe’, ‘Gott’ und eine ‘Lust’, auf die ‘Durst’ gereimt wurde. Sie hatten was sie brauchten, waren glücklich und sangen lautstark mit:.
Da simmer dabei ! Dat is pri-hi-ma! Viiii-va Colonia!
Wir lieben das Leben, die Liebe und die Lust
Wir glauben an den lieben Gott und hab´n noch immer Durst.”
Etwa 30.000 Stimmen erzeugten eine unglaubliche Lautstärke, und das Stadion war bis oben hin voll mit Begeisterung und Riesenstimmung. Ich stand auf dem Rang, guckte mich stumm in dieser brodelnden Begeisterung um und dachte spontan: “So viel schlechter Geschmack auf einem Haufen!”

Wahrscheinlich schreien die Höhner-Fans jetzt empört auf, aber sie können ja darauf verweisen, dass ich im Stadion zur absoluten Minderheit gehörte. Nee, das war nicht meine Welt! Auf diese Art der Stimmungsmusik konnte ich wirklich verzichten. Zum Glück standen in meiner Nähe einige mir größtenteils unbekannte Leute, die die Szene ebenfalls nur ruhig und ernst beobachteten, so dass ich mich nicht wie ein Alien fühlte, sondern spürte, dass es einige wenige Gleichgesinnte gab. (Ich kenne übrigens eine Menge supernetter, intelligenter, musikinteressierter Leute, die bei dem Lied mitsingen und Spaß haben, ich kann nur nicht verstehen warum.) Etwas später gab es aber ein Höhner-Lied an diesem Abend, bei dem ich dann doch laut mitsang. ‘Hey, Kölle! Du bes e Jeföhl’ mochte ich ausnahmsweise sehr gerne, denn es passte in die Reihe der alten Bläck Fööss Lieder, die eine Seele und ein Herz hatten.

Als Schlußlied gab es dann ein gewaltiges, sinfoniegeschwängertes ‘Music’, bei dem sich John Miles nur deshalb nicht im Grab umdrehte, weil er noch lebte. Das war mir viel zu bombastisch. Die Geigen waren total laut und klangen nach aufgeputschten Synthesizer-Klängen, und die ganze Inszenierung erinnerte mich an Greatest-Hits, weichgespült. Irgendwie schon beeindruckend, aber dann doch zu mächtig, um wirklich schön zu sein.

Um es zu betonen: Mir gefiel es nicht, aber fast alle anderen Stadionbesucher jubelten begeistert auf. Damit war der Auftritt ein großer Erfolg und die Höhner der Top-Act des Abends. Die Stimmung war gewaltig und die Lautstärke der applaudierenden und pfeifenden Zuschauer wie bei einem erfolgreichen Bundesligaspiel des 1.FC Köln.

Zum großen Finale kamen fast alle Künstler auf die Bühne und sangen zusammen ‘Die Stadt’ von Trude Herr. Wie schön, am Ende noch ein Lied mit Herz und Seele! Das Mikrofon wurde für jede Strophe weiter gereicht, und jedesmal sangen Künstler von einer anderen Gruppe. Das gefiel mir sehr gut.














Passend zur Musik wurde oberhalb der Bühne und auf dem Stadiondach ein Feuerwerk losgelassen, dessen roter Funkenregen die Umgebung erhellte. Schon wieder eine bombastische Inszenierung, aber in diesem Fall völlig in Ordnung. Feuerwerk ist immer schön.


Es gab einen allerletzten, großen Endjubel, dann war nach fast 8 Stunden Schluß mit ‘Kölle live’. Die Künstler verliessen winkend die Bühne, und das Publikum packte die Sachen zusammen und bewegte sich langsam in Richtung der Ausgänge.

Unabhängig von meiner eigenen Meinung zur Musik würde ich die Veranstaltung als ‘im Prinzip gelungen’ bezeichnen. Allerdings war der Sound nicht akzeptabel, und auch an der Organisation muss noch gearbeitet werden. Wären die in der Werbung angekündigten 45.000 Besucher gekommen, wäre das Chaos riesig geworden. Die Stimmung im Stadion war aber durchgehend gut, es gab keine Pöbeleien oder Kravalle, und es war alles so entspannt, dass man jederzeit bequem quer durch die Menge gehen konnte, ohne sich durchquetschen zu müssen.

Die Zwischenmoderationen von Linus waren in Ordnung, die Umbaupausen fand ich im Gegensatz zu einigen anderen Leuten nicht zu lang, aber an der Musik würde ich etwas ändern. Und jetzt kommt’s. Für manche vielleicht etwas unerwartet: Ich würde die Wise Guys und LSE aus dem Programm nehmen, nicht versuchen von allen Richtungen etwas zu haben, sondern stattdessen noch mehr Mitsing-Karnevalsbands auftreten lassen. Die Bläck Fööss könnten dann am Anfang mit ihren anspruchsvolleren, aber gut mitsingbaren Stücken gute Stimmung machen und viele Kölner begeistern, danach Brings, ehe die Zuschauer müde werden, und dann ein Karnevalshit nach dem anderen. Am Ende von mir aus Höhner, die ja sowas wie die Könige der Karnevalshitmitsingmusik sind. Das ganze wäre dann  Open-Air-Karneval im Sommer und würde mit Sicherheit abgehen wie eine Rakete.

Die “frenetischen Fans würden singen, feiern, schunkeln, tanzen und dem Namen RheinEnergieStadion alle Ehre machen”, so wie es die Werbung versprochen hatte, und ich würde in dieser Zeit einen weiten Bogen um das Stadion machen und sehen, ob ich nicht auf ein Konzert von LSE oder den Wise Guys gehen könnte, wo die Musik geboten wird, die mir einfach näher liegt. Da hätten dann alle etwas davon. (Übrigens haben mir die Bläck Fööss so gut gefallen, dass ich mir jetzt  mal ein komplettes Konzert von ihnen ansehen werde.)

Die Geschmäcker sind eben verschieden und das ist auch sehr gut so. Es sollte nur nicht versucht werden verschiedene kölsche Stilrichtungen bei einem Konzert zu vereinen. Das kann nicht klappen.

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