PURPLE SCHULZ & JOSEF PIEK machen
GEMEINSAME SACHE mit
MANFRED MAURENBRECHER
21.6.2004, Theater im Bauturm, Köln

Die Konzerte in der Reihe ‘Gemeinsame Sache’ waren sich vom Grundgedanken her ähnlich, unterschieden sich aber trotzdem voneinander, was hauptsächlich vom Gast des Abends abhing, der in der zweiten Konzerthälfte dazu kam. Diesmal war es Manfred Maurenbrecher und den kannte in Köln scheinbar keine Sau. Das war vielleicht etwas hart gesagt, aber wenn ich irgendwo erzählte, wer als Gast zu Purple und Josef kommen würde, kam meistens ein fragendes: “Wer?” hinterher. Auch ich hatte seinen Namen bisher nur im Zusammenhang mit Horst Evers gehört und wusste, dass Manfred Maurenbrecher in Berlin auftrat und irgendwie Texte machte. Eine krasse Bildungslücke, wie sich herausstellte, als ich beim Stöbern im Internet erstaunt sah, was Herr Maurenbrecher machte und schon alles gemacht hatte.

Mein Gatte war wieder mal besser informiert und kannte Manfred Maurenbrecher von “früher”, wann immer das war. So richtig informiert über das, was “jetzt” aktuell war, war er dann aber auch nicht. Im Prinzip gab es also für mich einen Überraschungsgast, von dem ich nur den Namen kannte und auf den ich gespannt war. Ich dachte mir aber: Wenn er sich mit Horst Evers, Purple Schulz und Josef Piek versteht, kann er so schlecht nicht sein.

Der kleine Theatersaal füllte sich nur zögerlich und ließ Lücken zwischen den Zuschauern, in die sich spontane Besucher hätten setzen können, wenn sie denn gekommen wären. Es blieb übersichtlich. Den ersten Programmteil gestalteten wieder Purple Schulz und Josef Piek, und auch hier zeigten sich Unterschiede zu den beiden vorangegangenen Abenden im Bauturm-Theater, denn das Publikum war zum größten Teil ruhig und zurückhaltend. Das zeigte sich vor allem dann, wenn es Ansagen von Purple gab, auf die es nur wenig Reaktionen gab. Mal einzelne Lacher, die vorsichtig blieben, und hin und wieder auch gar nichts. Dann blieb es so still, als würde er in einen leeren Raum sprechen. Alle sahen ihm zu, wie er das Mikro neu aufbaute und nicht mal ein Räuspern war zu hören. Die Zuschauer waren zwar interessiert und sehr aufmerksam, der Applaus nach den Liedern schön und kräftig, aber irgendwie traute sich keiner in dieser übersichtlichen Runde auszuflippen. Ist aber auch schwierig, wenn man keinen direkten  Nachbarn hat und das eigene Ausflippen selber so bewußt mitbekommt. Das hemmt dann doch.

Trotzdem war es eine schöne erste Hälfte, wenn auch nicht so überschwänglich und temperamentvoll wie gewohnt, denn auch für Purple und Josef war es nicht so einfach gegen die leichte Emotionslosigkeit des Publikums anzuspielen. Ich dachte ein wenig an ein schwarzes Loch, in das man hineinspielt und aus dem nichts zurückkommt. “Seid ihr noch da?” fragte Purple einmal und hielt die Hand über die Augen, um in den dunklen Zuschauerraum zu spähen. “Ich sehe gar nichts - und ich höre auch nichts.” Nun gut, es war kein schlechtes oder ablehnendes Publikum, sondern ein verhalten reagierendes. Stille Genießer sozusagen, um es mal positiv zu sagen.

Nach der Pause sagte Purple den Gast an. “Heute nachmittag ist uns aufgefallen, dass zu unserer kleinen Konzertreihe vier Leute kommen, die den Sommer 1989 alle zur selben Zeit in der damaligen DDR verbracht haben. Es war die Rockpoeten-Tour und wir haben damals versucht das System umzustürzen. - Es ist uns gelungen.” Gelächter und Geklatsche vom Publikum, und Purple erzählte, dass damals Ulla Meinecke, Stefan Stoppok, Manfred Maurenbrecher, Josef Piek und er zusammen auf Tour waren. Er kündigte Manfred Maurenbrecher an, der unter Geklatsche und einzelnen, lauten Rufen auf die Bühne kam. Ein Teil des Publikums schien ihn zu kennen und sich zu freuen. Von wegen “den kennt kein Schwein.” Hatte eben nicht jeder solche Bildungslücken wie ich und meine Freunde.

Manfred Maurenbrecher war nicht groß, ziemlich rundlich, hatte zipfelige Haare und lächelte unerwartet nett und fast schüchtern, als er sich an das kleine Klavier setzte.

“Tja, guten Abend”, begann er mit sanfter Stimme und erzählte kurz etwas zur Vorgeschichte des ersten Stückes. “Damals dachte ich, dass es mir so richtig schlecht geht, als ich das Stück geschrieben habe. Mittlerweile denke ich, Mensch, damals warst du ein halbes Jahr am Mittelmeer und eigentlich war das deine beste Zeit. Haste gar nicht so richtig gemerkt.” Ich musste entzückt lächeln, denn seine Stimme war ganz ähnlich wie die von Horst Evers. Die beiden auf der Bühne konnte ich mir sofort gut vorstellen. Manfred Maurenbrecher drehte sich zum Klavier, begann mit den ersten Akkorden, setzte mit dem Text ein und ich bekam offene Ohren und machte große Augen. Das war das ‘Hafencafé, das ich von ‘Queen Bee’ kannte und so wunderschön fand. Das hatte Manfred Maurenbrecher geschrieben? OK - keine weiteren Diskussionen, der war klasse!

Zugegeben: Ina Müller sang schöner, und bisher kannte ich nur ihre gecoverte Version des Liedes, ohne jemals im Booklet nachgesehen zu haben, von wem es ursprünglich geschrieben war, aber die rauhe, manchmal brüchige Stimme von Maurenbrecher hatte ihren eigenen Reiz und wirkte durch ihre Ausdruckskraft und Echtheit. Da saß ein sichtlich unangepasster Mensch am Klavier und sang etwas polterig, quer und heftig, aber dann doch wieder mit solcher Sanftheit, dass er ganz verletzlich wirkte. Purple und Josef begleiteten ihn aufmerksam und achteten darauf sich dem leicht schwankenden Erzähl-Tempo anzupassen. Das Publikum applaudierte am Ende des Liedes freudig und war nach der Pause hörbar aufgetauter.

“Das nächste Lied ist in der gleichen Tonart, aber in einem anderen Takt”, erklärte Manfred Maurenbrecher, während Josef mit Klebeband sorgfältig zwei Textblätter zusammenbastelte und auf seine Knie legte, um mit der Gitarre vor dem Bauch und dem Zettel auf den Knien auf seinen Extra-Einsatz vorbereitet zu sein.

Das Lied begann mit einer gesungenen Strophe von Manfred Maurenbrecher und handelte von einer Bäckereiverkäuferin. Dann übernahmen Purple und Josef, indem sie zwischendurch die Handlung abwechselnd vorlasen, während Maurenbrecher am Klavier begleitete. Beide lasen sehr lebendig und locker, und es war fast schon wie ein Hörspiel. Außerdem hatten sie die passende Mimik drauf, so dass es auch optisch ein Genuß war. Sehr schön gemacht und durch die Wechsel im Vortrag kurzweilig und interessant. Außerdem war es ziemlich praktisch den vielen Text der langen Geschichte auf diese Art unterzubringen, ohne dass er sich irgendwie reimen musste.
 

Manfred Maurenbrecher hatte zwei Erscheinungsbilder, und der Unterschied zwischen dem vortragenden und dem zwischenmoderierenden Maurenbrecher war gewaltig. Am Klavier röhrte er los und bewegte sich temperamentvoll, so dass die hängenden Haare ins Gesicht geschleudert wurden. Dabei wirkte er durchsetzungsfähig, unbeugsam und manchmal sogar fast aggressiv. Sobald das Lied fertig war, saß dort plötzlich ein ruhiger, zurückhaltender Mensch, der freundlich, leise und manchmal etwas verschämt wirkend eine Erklärung oder Einleitung erzählte, während seine kleinen Augen hinter den Brillengläsern hin und wieder kurz ins Publikum blickten. Vielleicht ist das seine Persönlichkeit: Einerseits demonstrativ unabhängig und provokant, auf der anderen Seite ein Mensch, der Harmonie sucht und geliebt werden möchte. Ich fand ihn mit seiner stacheligen Schale und dem butterweichen Kern sehr nett und sympathisch.   

Er war ein Geschichtenerzähler mit Musik, tastete sich in Lebens-Situationen hinein und machte musikalische Vorträge daraus, die sich nicht unbedingt immer reimen mussten. Mit rauher Stimme sang er Texte, deren Aussage wichtig waren, Geschichten, die lebendige Bilder und Eindrücke zeigten und spielte dazu Klavier. Er traf beim Singen viele Töne überhaupt nicht, oder hatte manchmal eine Art Sprechgesang drauf, aber erstaunlicherweise wusste ich, was er meinte. Auf jeden Fall wirkte er echt und persönlich. Es gab viele melancholische Themen, auch wenn Humor und Ironie durchblitzten, aber vermutlich wäre Manfred Maurenbrecher in einer rosaroten, problemlosen Welt gar nicht so glücklich. Nach einigen Liedern sagte Purple zum Publikum: “Jetzt machen wir etwas, das wir sonst Montags nie machen. Wir räumen das Feld, denn dieser Mann kommt auch ohne uns klar!” und verschwand mit Josef im Backstagebereich.

Manfred Maurenbrecher übernahm und sprach mit leisem Lächeln davon, dass er vor kurzer Zeit noch einen neuen Kassettenrecorder gekauft und später erfahren hatte, dass bald keine Kassetten mehr hergestellt werden würden. “OK,” sagte er zufrieden mit der Situation, “wenigstens bei dieser einen Erfindung bist du von Anfang bis Ende dabei. Ich war einer der Ersten, der sich sowas geholt hat, und in fünf Jahren bin ich vielleicht einer der Letzten, der noch ein neues Lied auf Kassette aufnimmt. Das ist sehr schön, das hat was Abgerundetes.”

‘Sie ist berühmt’ war ein langer Sprechgesang zu Klavierbegleitung, der ebenfalls eher ein Hörspiel war. Spielte Maurenbrecher eigentlich immer eine ganz geplante Komposition passend zum Text, oder improvisierte er sowas frei? Das war für mich als Ersthörerin natürlich nicht zu merken. Zu hören war nur, dass die Intensität der Musikbegleitung immer zum gesprochenen Wort passte. Und verwunderlich war, wie dieser sanfte Mensch mit seiner Stimme so laut zur Klaviermusik loslegen konnte.

Die Ideen für seine Lieder hatten zum Teil ungewöhnliche Quellen. “Das Nächste, was du siehst, daraus wirst du ein Lied machen”, hatte sich Manfred Maurenbrecher bei einem Blick aus dem Fenster vorgenommen und führte das Ergebnis vor: “Da schiebt ein Mann ein altes Fahrrad”. Es wurde zugleich komisch, wie auch philosophisch und endete mit den eindringlichen Worten: “Vielleicht steht an der nächsten Ecke auch DEIN Fahrrad. Vielleicht gibt es dir ein Zeichen! Dann nimm es mit, aber nur, wenn es nicht abgeschlossen ist!”

Purple und Josef kamen auf die Bühne zurück und machten mit Maurenbrecher zusammen weiter. Sie begleiteten ihn bei seinen Liedern zurückhaltend und bewußt im Hintergrund und warfen ihm dabei immer wieder konzentrierte Blicke zu, um sofort auf ihn eingehen zu können, wenn er das Tempo verzögerte oder je nach Textaussage auch mal antrieb. Nicht ganz einfach, denn im Prinzip war Maurenbrecher mit seinem Klavier ein eingespieltes Team, das keine weitere Begleitung brauchte, aber die beiden schafften es einen sehr harmonischen, ergänzenden Klangteppich um die Lieder von Manfred Maurenbrecher zu legen.

Das letzte Lied des offiziellen Konzertteils war ‘In der Nachbarschaft’. Purple kam mit einem flachen Plastikköfferchen an, das er aufklappte und erklärte dem Publikum: “Ich muss jetzt sagen, das ist kein Spielköfferchen von Barbie, es ist was anderes. Ihr hört es gleich.” Josef verriet mit dumpfer Stimme: “Es ist das Barbie-BOOT” und die  Zuschauer lachten freudig los. Es stellte sich dann aber als ein Xylophon heraus, das als Begleitinstrument für das Lied verwendet wurde.

Maurenbrecher sang die erste Strophe in Hochdeutsch, Purple sang die nächste in Kölsch und hatte dabei eine fast ebenso rauhe Stimme wie sein Gast. Das Kölsche fordert scheinbar rauhe Stimmen heraus, und sogar Purples Gesichtsmuskeln verzogen sich passend zur Stimme.

Unter dem kräftigen Geklatsche der Zuschauer kamen die drei Hauptdarsteller nach vorne, verbeugten sich gemeinsam und erhielten sogar Zugaberufe. Da war das Publikum dann doch noch aus sich herausgekommen und konnte zeigen, dass es Spaß hatte.

Zur Belohnung bekam es einen Nachschlag. Selbstironisch, mit verschwitzten, am Kopf klebenden Haaren und einem erkennbar untrainierten Körper sang Manfred Maurenbrecher ein Lied von Ulrich Roski: ‘Das macht mein atlethischer Körperbau’. Es gab noch eine letzte Zugabe, die ruhig und besinnlich war, danach ging Manfred Maurenbrecher unter viel Applaus ab, und Purple und Josef spielten zu zweit ‘Immer nur leben’ als wunderschönes Abschlußlied. Manfred Maurenbrecher hatte sich am Rand der Bühne auf die oberste Stufe der Treppe zum Backstagebereich zurückgezogen und hörte still und leicht lächelnd zu. Am Schluß gab es nochmal dicken Applaus, die Künstler gingen ab, das Licht an und die Zuschauer raus.

Von der Stimmung her war dieser dritte ‘Gemeinsame Sache’-Abend ein ganz anderer Abend als der mit Pe Werner, oder der mit Stoppok gewesen. Viel ruhiger und gemäßigter, was nicht nur am zurückhaltenden Publikum lag, sondern auch an der sanften Art von Manfred Maurenbrecher. Außerdem waren seine Lieder nicht zum Mitklatschen und Mitsingen geeignet, sondern zum Zuhören und Wirkenlassen. Zwischen den drei Musikern hatte eine sehr nette, freundschaftliche Atmosphäre geherrscht und ich fand es schön, wie uneingeschränkt Manfred Maurenbrecher seine Lieder vorführen konnte und dabei sensibel von Josef und Purple begleitet wurde.

Das war sowieso ein Punkt, der mir an allen drei Abenden aufgefallen war: Jeder Gast stand in seiner Konzerthälfte im Mittelpunkt und das Programm richtete sich nach seinem Können und seinen Vorlieben aus. Pe Werner hatte sich sorgfältig vorbereitet und der Abend war ein perfektes Zusammenspiel dreier Musiker gewesen. Bei Stoppok gab es Pannen und Improvisationen, die den Abend witzig und abgedreht machten. Bei Manfred Maurenbrecher ging es um seine Lieder, die begleitet wurden, weil sie vom musikalischen Aufbau her nicht so einfach von anderen Musikern zu übernehmen waren. Ich fand alle drei Abende sehr klasse. Außerdem habe ich eine Bildungslücke gefüllt bekommen und einen sehr netten, sympathischen Manfred Maurenbrecher erlebt, den ich mir ganz sicher auch mal in einem Soloprogramm ansehe. 

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