NIBELUNGEN
N.N. Theater     - 8. Juli 2005, Friedenspark, Köln
Ute Kossmann, Irene Schwarz, Ozan Akhan, Didi Jünemann, Tom Simon

Die große Nibelungensage mit Siegfried, dem Drachen, Kriemhild, Brunhild, Neid, Verrat und Tod, gespielt in einem Kölner Park von fünf Darstellern, von denen ich drei als Mitglieder der Kölner Stunksitzung kannte - ich hatte echt keine Ahnung was auf mich zu kam. War das witzig oder albern oder ernsthaft gemeint? Nachdem es mir warm empfohlen wurde, holte ich mir sofort Karten und ging sehr neugierig hin.

Im Kölner Friedenspark, der in der Südstadt lag, gab es ein altes Fort mit einem großen, vermutlich bronzenen Adler auf einem Turm. Das sah ein wenig heroisch aus und passte auf den ersten Blick so gar nicht zu dem großen Abenteuer-Bauspielplatz, der gleich daneben lag. Aber dann doch, denn der Park war wunderbar zugewachsen und die ganze Atmosphäre hatte etwas unwirklich Märchenhaftes an sich. Im Hof des Forts sammelten sich die Zuschauer, denn die Bühne befand sich oben auf dem Gebäude. Bis zum Einlass gab es Live-Musik, Getränke und sehr leckere griechische Speisen. Das Fort selbst stellte sich als eine Art Jugendzentrum heraus, in dessen inneren Gewölben es eine Menge Platz, einen Tischfußball, ein Klavier und einen Billardtisch gab. Das Publikum sah eher alternativ aus. Ohne eine Bewertung, und auf keinen Fall eine negative zu geben: Ich hatte sofort die Schlagworte “frühere Hausbesetzer” “alternativer Kinderladen”, “Ökologie”, “Politik” und “Straßentheater” im Kopf. Das Publikum passte sozusagen zum Abenteuer-Bausspielplatz und ich fühlte mich wohl. Alles war ruhig und nett, es wurde schnell geduzt und die Atmosphäre war offen und locker. Ganz klar ein interessiertes Publikum, dem man nicht mit Schickimicki kommen konnte. Außerdem merkte ich schnell, dass die Aufführungen des N.N.-Theaters bekannt und beliebt waren und von vielen Leuten regelmäßig besucht wurden. Nur ich hatte mal wieder keine Ahnung. Was hieß eigentlich N.N.? No Name??

Auf dem Weg zu den Zuschauerplätzen musste man eine breite Steintreppe hochgehen, die hinter den zur Bühne gespannten Tüchern endete. Dort saßen die Darsteller, schminkten sich für den Auftritt und begrüßten winkend vorbeigehende Bekannte und Freunde. Als Zuschauer musste man an ihnen vorbei um die Bühne herum laufen und konnte sich dahinter einen Platz suchen. Der Rand der Treppe wurde von sackgekleideten, grauen Menschen gesäumt, die wohl irgendwie im Stück mitspielten und stumm warteten. Ich fand schon alles klasse, bevor das Theaterstück angefangen hatte und war sehr gespannt.


                                  Die Künstlergarderobe hinter dem Vorhang

Dichtgedrängt saßen die Zuschauer auf Treppenstufen und Bierbänken, und den letzten freien Raum neben der Bühne nahmen die sackgekleideten Gestalten ein, die der Chor waren. “Wer während der Vorstellung gehen muss, warum auch immer, muß sich durch den Chor wurschteln. Ohren zuhalten und durch!”, wurde kurz erklärt, dann ging es los.   

Der Chor sang leise den “Dschingis Khan”-Schlager aus den 80er Jahren und wurde dabei musikalisch von einem Keyboard begleitet. Zwei Köche und zwei Serviererinnen wirbelten über die Bühne und hatten Stress, denn hinter dem Vorhang saßen viele feiernde Leute, die Nachschub verlangten.













Plötzlich kam es zu einem Tumult, die Serviererinnen, die immer wieder hinter den Vorhang eilten, berichteten brühwarm, wie sich die Gäste gegenseitig die Köpfe einschlugen, und ich war fasziniert, wie einfach sich die Schauspieler tausende von Komparsen gespart hatten, indem sie die Szene aus der Küche heraus zeigten. Alles war mit wenigen Dekorationen angedeutet, aber völlig klar. ‘Punktgenau’ sage ich gerne dazu. Ein paar übergeworfene Kleidungsstücke, eine andere Haltung, und die Schauspieler wechselten blitzschnell ihre Rollen und stellten verblüffend überzeugend andere Personen dar. Manchmal war es kaum zu glauben, dass nur fünf Schauspieler da waren, allerdings trat auch hin und wieder Bernd Kaftan, der Mann vom Keyboard auf die Bühne und spielte mit, während dann einer der anderen die Musikbegleitung übernahm.









Didi Jünemann als junger Siegfried
mit dem Schatz der Nibelungen.





Es war alles schnell und locker inszeniert, die Handlung lief flüssig ab und mich beeindruckte die Leichtigkeit, mit der die Gruppe den Stoff darstellte. Eine Mütze mit Stoffstreifen war eine Tarnkappe, ein Beutel mit Metalldosen der sagenumwobene Schatz der Nibelungen, und die langen Stöcke, die in fast allen Szenen auftauchten, waren je nach Bedarf Schwerter, Speere, Kochlöffel, ein Webstuhl, Treppenstufen, Bäume oder Schiffsmasten.















     Ozan Akhan   als Etzel,               als Schmied,                            als Siegfried

Ich war sehr begeistert und guckte aufmerksam zu. Genauso muß es im Mittelalter gewesen sein, wenn eine Gauklertruppe im Dorf eine Vorstellung gab. Die kamen mit ihrem Pferdewagen an, spannten ein Tuch davor und spielten locker, leicht verständlich und mit starken Bildern einen klassischen Stoff, den auch die ungebildeten Dorfbewohner verstanden. Unbeschwert und mit vielen originellen Ideen setzten auch die Schauspieler des N.N.-Theaters das Stück um. Trotzdem war es nicht albern oder platt, sondern humorvoll und mit großem schauspielerischem Ernst gebracht. Es gab sehr spannende und dramatische Szenen, die auch durch die einfachen Dekorationen nicht lächerlich gemacht wurden. Die Tragik der Geschichte um Liebe, Neid und Verrat wurde deutlich, was auch an der ernsthaften Intensität lag, mit der die Schauspieler spielten. Trotzdem gab es immer wieder was zum Lachen, aktuelle Bezüge, witzige Bemerkungen, humorvolle Szenen, und es blieb durchgehend spannend und kurzweilig.













     Kriemhild und ihre drei Brüder


















       Der Drache                                  Siegfried badet im Drachenblut


Sehr beeindruckend war Irene Schwarz, die ihre Rollen vom mumpsgesichtigen Bruder, über die alte, hässliche Mutter der Kriemhild, bis zur schönen, kalten Brunhilde wunderbar ausspielte. Ozan Akhan war der heldenhafte Siegfried, dem man diese Rolle sofort abnahm, so cool, sportlich und charmant wie er war - der überzeugende Held. Tom Simon als schwächlicher König war ebenfalls genau richtig besetzt - ach, es war wirklich alles rund und passend. Ein großes Vergnügen der Gruppe bei ihrem mitreißenden Spiel zusehen zu dürfen.

Die musikalische Untermalung war abwechslungsreich und passend. Von mittelhochdeutsch gesungenen alten Liedern bis hin zum mitreißenden Gospel “Oh, happy days” war viel untergebracht, was die Handlung unterstützte und immer passte. Das Timing war klasse, es gab spannende Kämpfe zu sehen, anrührende Liebesszenen und sehr witzige Kommentare zu hören. Fasziniert war ich immer wieder von den kreativen Ideen bei den Dekorationen und in der Handlung. Mit einfachsten Mitteln wurde ein volles Theaterstück geschaffen, bei dem ich nichts vermisste, bei dem mir nichts fehlte. Zu erwähnen ist hier unbedingt auch die Regie von George Isherwood, aber die Kostümwahl und die Musik waren ebenfalls sehr gut.
























































                                               König Gunther mit Brunhilde


                                               Siegfried mit Kriemhild

Am Ende gab es einen hingemetzelten Chor, der vorher überraschend zu Hunnen geworden war und die Bühne gestürmt hatte, es gab tote Helden und tote Verräter, eine liebende, sich hart rächende Frau und einen zutiefst entsetzten Hunnenkönig. “Es ist vorbei!” brüllte der Hunnenkönig beim Abgang erschüttert, und das war auch das Ende des Theaterstückes.



Großartig!
Lustig, leicht, ernsthaft, locker, phantasievoll, berührend.

Infos über das N.N.-Theater bei  www.nn-theater.de

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