Rainald Grebe Das Robinson-Crusoe-Konzert 12.1.2007, Comedia, Köln
Bei Rainald Grebe gehen die Humorpfade meines Gatten und mir auseinander. Man könnte sagen, dass Rainald Grebe unsere humoristische Weggabelung ist. Während ich lächelnd und fasziniert den holperigen
Grebe-Weg nehme, biegt mein Gatte kurz vorher entschlossen auf die betonierte Schnellstraße ab.
Das war einer der Gründe, warum ich ohne meinen Gatten zum Rainald
Grebe Konzert in die Kölner Comedia ging. Der andere Grund war, dass er an diesem Abend gar keine Zeit hatte, aber er jammerte auch nicht: “Ich will mit!”, als ich ihm von meinem Vorhaben berichtete. Immerhin machte er
auch keine blöden Bemerkungen über die unerklärlichen Humorvorlieben seiner Frau, sondern schien sich damit abgefunden zu haben. Das könnte auch daran liegen, dass er
Rainald Grebe inzwischen mal in einem Fernsehinterview gesehen und dabei etwas verwundert festgestellt hatte, dass der ganz ruhig, ziemlich “normal” und sehr sympathisch wirkte. Oder dass er
bei mir alle guten Worte und Argumente für überflüssig hielt.
Wer ins Programm von Rainald Grebe geht, muss Zeit und eine innere Gelassenheit mitbringen. Und er
muss sich in seinem Stuhl zurücklehnen, einfach zuhören und alles wirken lassen, ohne immer sofort einen logischen Sinn in jedem Satz erkennen zu müssen. Rainald Grebe spielt mit Assoziationen und Gedankensprüngen, was manchmal etwas verwirrend wirken kann. Also humoristisch nichts für meinen
geradlinigen und logischen Gatten.
Im neuen Programm, dem Robinson-Crusoe-Konzert, ging es um Robinson Crusoe und um Freitag. Und
irgendwie auch um Karl May. Auf jeden Fall hatte der Indianer-Kopfschmuck des früheren Programmes einem langen Bart aus Dichtungshanf weichen müssen, der nicht immer an der gleichen Stelle sitzen blieb, und dessen gelöste Fäden wunderschön im Gegenlicht der
Bühnenbeleuchtung glänzten. Das erinnerte mich an Federkleider aus Tanzfilmen mit Ginger Rogers und Fred Astaire, was überhaupt nichts mit Rainald Grebe und Robinson Crusoe zu tun
hatte. Ein Beispiel dafür, wie verwirrend und anscheinend unlogisch Assoziationen wirken können.
In einen hellbraunen Anzug gekleidet, mit geschmacklich umstrittenen Sommersandalen
und Hanfbart, zeigte Rainald Grebe schon optisch, dass er sich zwischen Seriösität und Durchgeknalltheit bewegte. Mit Ruhe erzählte er anscheinend spontan, was ihm durch den Kopf ging, wirkte sympathisch und bedächtig,
lächelte nett und zog auch schon mal eine Plastikraupe auf, die unter dem Gekicher des Publikums mit mechanischem Geräusch auf dem Flügel entlanglief, bis sie klackernd in den
offenen Innenteil fiel. Ein freundlicher, harmloser, verspielter Mensch. Er konnte ganz anrührend über Robinson Crusoe singen und seine zärtliche Stimme war weich und melancholisch. Schon im
nächsten Satz konnte sie aber laut explodieren und einen plötzlichen Stimmungsumschwung bringen. Rainald Grebe war unberechenbar.
Mit ernster, wichtiger Miene verkündete er völlig blödsinnige Erkenntnisse: “Wenn der Schmidt den Zeppelin erfunden hätte, dann hieße der Schmidt. Guck mal, da fliegt ein Schmidt!”, was das
aufmerksame, sehr interessierte Publikum zu lautem Gelächter brachte. Auch Liedzeilen wie “80.000 Joghurts sagen Hallo!” waren typisch für den manchmal etwas wirr erscheinenden Akteur. Wobei das mit der Wirrigkeit gar nicht so wirklich wirrig war. Es waren einfach die Assoziationen, die
oft unsinnig wirkten, die aber durchaus passend sein konnten. Über den Satz: “Wir haben große Zucchini - viel zu viele - die geben wir an die Nachbarn” konnte ich mich fast weglachen, denn den hörte ich in jedem Sommer
an allen Ecken. Andererseits empfand ich bei seiner ruhig gesungenen Zeile “Ich geh zurück ins Hotel Mama - Freio, freio, freio!“ so stark einen Wunsch nach der Flucht in die
pflichtenlose Geborgenheit der Kindheit, dass ich ganz gerührt war und milde lächelte.
Rainald Grebe schien mit offenen Ohren und Augen zu leben und alle Eindrücke einzusaugen.
Er suchte nicht krampfhaft, er beobachtete einfach und nahm auf. Sehr geistreich verwendete er auch immer wieder Werbezeilen, oft gehörte Sätze und vertraute Phrasen. Seine Gespräche zwischen Robinson und Freitag, die
manchmal nur unterbrochene Monologe waren, waren toll. Er schlüpfte bei seinen Erzählungen in die verschiedensten Charaktere und veränderte dabei die Stimme und die Haltung so gut, dass es
immer schwerer wurde den “richtigen” Rainald Grebe zu erkennen. Wer war er denn nun? Der ruhige, fast melancholisch wirkende, ernste Mensch? Der witzige, nett lächelnde, junge Mann? Der
autistische Eigenbrötler, der lange Statistiken runterrasseln konnte? Oder der starre Mensch mit dem irren Blick, der mich an einen Axtmörder erinnerte und vor dem ich fast Angst haben konnte, wenn er
mit aufgerissenen Augen gefährlich leise sprach und ich seine gleich folgende, lautstarke Explosion schon ahnen konnte?
Ein bisschen sah ich in ihm den Robinson, der auf einer Insel saß, in Freitag keinen wirklich gleichrangigen Gefährten hatte, und sich inmitten seiner Welt alleine fühlte. Bei vielen seiner Lieder
ging es nicht nur lustig zu, sondern zwischen den manchmal wunderbar verdrehten Zeilen waren ernste Grundgedanken die Basis. Beim Nachgesang auf eine geile Fete lachte ich zwar über “Melanie,
die im Krautsalat liegt”, fühlte aber trotzdem die Müdigkeit nach der langen Feier, sah die Unordnung in der Wohnung und spürte das zufriedene Gefühl nach einer gelungenen, lustigen Nacht, die im
Morgengrauen ruhig und plötzlich still endet.
Wunderlicherweise erschien am Ende des
Programmes vieles im Rückblick dann doch logisch. Es gab Verknüpfungen und einen großen Bogen, auch wenn Rainald Grebe vom Börsenkrach, dem “schwarzen Freitag” ohne Hemmungen zu Robinson und dem
“schwarzen Freitag” springen konnte. Sehr schön eine Situation, als er eine Liedzeile sang und spontan ein einzelnes, sehr amüsiertes Frauengelächter zu hören war. Er unterbrach sofort sein Lied, guckte
überrascht in die Richtung des Gelächters, warf dann triumphierend den Arm nach oben und rief freudig: “Treffer!” Wunderbar locker, und nachvollziehbar bei einem neuen Programm, das sich im Zuschauertest noch
beweisen musste. Er wirkte sowieso publikumsnah, entspannt und bereit auf ungeplante Situationen einzugehen. Dabei war nicht immer klar, was geplant und was wirklich improvisiert war.
Am Ende applaudierten die Zuschauer in der knackevollen Comedia laut und freudig einige Zugaben heraus, für die es dann doch
wieder den Indianerkopfschmuck gab. Die meisten Besucher fanden den Abend klasse, einige werden wohl ihre Probleme mit einigen der verwirrenden Sprünge gehabt haben. Ich glaube, wenn man Rainald
Grebe sympathisch findet und sich einfach willenlos von seinen Erzählungen mitnehmen lässt, hat man viel Spaß an seinem Programm und entdeckt faszinierende Zusammenhänge. Ich mag die Ergebnisse
seiner Beobachtungsgabe, seine blitzschnelle Verwandlung in andere Charaktere und seine durchgedrehte, aber doch ruhige Art. Und ich würde ihm total gerne mal eine Flasche Rotwein geben,
mich an den Tisch setzen und ihm dann nur noch zuhören. Vermutlich würde ich dann zwischen ruhigen Gedanken, vertrauten Phrasen und sehr witzigen Sätzen eine Menge Lebensweisheit hören.

Einen Satz, der wunderbar in ein Lied von Rainald Grebe gepasst hätte, hörte ich von
einer Zuschauerin, als es in die Pause ging. Sie wischte sich die Lachtränen aus den Augen und stöhnte, ohne über ihre Aussage nachzudenken: “Jetzt ist die Schminke schon wieder am Arsch.“ Ich grinste breit und
dachte: “So ist das Leben. Man muss nur hinhören.”
Ich finde Rainald Grebe und das Robinson-Konzert klasse und kann empfehlen:
Entspannt und neugierig hingehen, nicht alles ernst nehmen, aber die ernsten Töne raushören.
|