April 2007
Rainald Grebe  GLOBAL FISH
Lesebuch und Hörbuch

Nachdem ich sehr fasziniert von Rainald Grebes Bühnenprogrammen war, interessierte ich mich natürlich auch für seinen Roman. “Global fish” war der Titel, der interessant klang, mich aber im Unklaren darüber ließ, was mich hinter dem Buchumschlag erwartete.

Die kurze Inhaltangabe ließ immerhin vermuten, dass es eine logisch aufgebaute Geschichte sein würde: “Thomas Blume, der soeben sein Abitur mit 1,0 bestanden hat, plant eine vierwöchige Seereise, heuert auf einem alten Klipper an und gerät in ein phantastisches Abenteuer.”

Ich kaufte mir das Buch und lud, ehe ich eine einzige Zeile darin gelesen hatte, auch noch das Hörbuch für 25 Euro herunter. Wenn schon, dann richtig. 25 Euro für ein Hörbuch als ZIP-Datei waren zwar nicht wenig, aber die Hörversion dauerte fast 7 Stunden und ich fand es interessant, dann auch die von Rainald Grebe selber gelesene Version zu erleben.

In gemütlicher Laune, bei einer Tasse Tee begann ich zunächst das Buch zu lesen und wurde sofort von der Atmosphäre eingesogen. Es fiel mir schwer zu unterbrechen und daraus wieder aufzutauchen und ich nutzte jede Gelegenheit, um ein paar Seiten mehr zu lesen und zu erfahren, wie es weiter ging. Eine seltsame Stimmung erfasste mich, sobald ich in der Geschichte war, und ich fand die Geschehnisse zunehmend verstörend und erschreckend, ohne darüber jedoch die Lust am Lesen zu verlieren. Im Gegenteil, ich wollte unbedingt wissen,  was noch passierte, auch wenn ich manchmal fast entsetzt über die unglaublichen Vorgänge war. Zufällig besuchte ich in diesen Tagen auch eine Vorstellung von Rainald Grebe. Ich sagte ihm danach, dass ich in seinem Buch bis auf Seite 116 gekommen sei und mich das Ganze bisher sehr verstören würde. Er lächelte beruhigend und meinte sinngemäß, dass das alles gar nicht so schlimm werden würde. Ich vertraute ihm völlig und hoffte, das Schlimmste überstanden, beziehungsweise gelesen zu haben. Irgendwie bin ich zu vertrauenseelig.

Da ich sofort danach für einige Tage unterwegs war und längere Strecken mit dem Auto fahren musste, nahm ich das Hörbuch mit, um wechselnd im Hotel das Buch zu lesen und während der Fahrten das Hörbuch zu hören. Ich werde wohl nie im Leben vergessen, wie ich auf hübschen Landstraßen durch sommersonnige ostfriesische Dörfer fuhr, der strahlend blaue Himmel über reetgedeckten Dächern und roten Backsteinhäusern leuchtete, alles nach Urlaub und heiler Welt aussah und ich mit großen Augen, sehr verstört den Abenteuern des Thomas Blume aus dem Auto-CD-Player lauschte. Was war das denn?? Das konnte es nicht geben! Das DURFTE es nicht geben!! Das war unreal und gleichzeitig erschreckend nachvollziehbar. Wie ein bedrückender Traum, aus dem man nicht erwachte und bei dem man die ganze Zeit fürchtete, dass es kein Traum war.

Einige Tage lang versank ich zwischen meinen angenehmen Terminen und schönen Treffen immer wieder in die Welt von Thomas Blume, die parallel zu meiner anderen Welt existierte. Irgendwann las ich um 3 Uhr morgens in einem Hamburger Hotelbett die letzten Buchseiten und konnte es nicht fassen. Was für einen Schluß servierte Rainald Grebe da? Ich klappte das Buch zu, dachte daran, dass ich ganz nah am Hamburger Hafen war, wo die Geschichte begonnen hatte, wusste aber nicht, wo ich mich am Ende selber wiederfinden sollte. Etwas ratlos guckte ich erst minutenlang in die Gegend, löschte dann das Licht und schlief verwirrt ein. Zum Glück traumlos.

Am nächsten Tag hörte ich mir im Auto den Schluß nochmal in der Hörbuchfassung an und wusste anschließend nicht, ob ich die Geschichte nun eher klasse oder eher bedrückend fand. Gut geschrieben war sie und auch das Hörbuch war toll gemacht, aber hatte mich der Inhalt der Geschichte nicht mehr verstört als erfreut? Würde ich Zuhause alles in den Schrank packen und nie wieder anrühren? Irgendwie blöde, wenn ich mich nach einer Geschichte so verwirrt fühlte.

Vier Wochen später war mir klar, dass mir die Geschichte einfach nicht aus dem Kopf ging und ich sie nochmal lesen und anhören musste. Sie war so schrecklich, irrsinnig, verstörend, spannend, berührend und auch wieder schön, dass sie einen tiefen Eindruck hinterlassen hatte. Vor allem wollte ich eine Erklärung finden - war Thomas Blume durchgedreht oder die Welt um ihn herum? - und mir war völlig klar, das da nicht auf die Hilfe von Rainald Grebe zu hoffen war. Der genoß es sicher, dass Leser und Hörer verwirrt zurück blieben und sich ihre eigene Interpretation basteln mussten.

Fazit: Sehr gut geschriebenes Buch und sehr gut produziertes Hörbuch, das im Vergleich mit dem Buch unwesentlich gekürzt ist. Ich bin extrem fasziniert, der Inhalt der Geschichte lässt mich nicht los, aber ich habe meine jahrelange Lust auf eine Frachtschiffreise völlig verloren. Ich bin nicht mehr sicher, ob mir nicht Ähnliches wie Thomas Blume passieren könnte, was ein völlig blödsinniger Gedanke ist, der aber hartnäckig in meinem Kopf bleibt und sich immer wieder meldet. Ist alles so, wie ich es kenne, oder ist es ganz anders?

Nachtrag: Juni 2006: Inzwischen habe ich das Buch ein zweites Mal gelesen und kann das allen Erstlesern sehr empfehlen. Ich fand es wieder sehr spannend, konnte aber außerdem ab den ersten Seiten Zusammenhänge erkennen und mit meinem Wissen über den Fortgang und das Ende der Geschichte viele Bögen und Verbindungen sehen. Es war viel übersichtlicher, und da mich einige Geschehnisse nicht mehr so überraschen und schocken konnten, hatte ich sensiblere Blicke für die Kleinigkeiten. Immer wieder dachte ich: “Ja, klar!” und grinste vor mich hin. Den Schluß fand ich immer noch verwirrend. Damit ich irgendwann mal erkennen kann, wann was umschlug und warum es auf dieses Ende hinauslief, werde ich das Buch sicher nochmal lesen. Vielleicht auch nochmal und nochmal....  

Tipp: Ich würde sagen, lesen und hören lohnt sich, aber ich garantiere für nichts, eine anschließende Verstörung oder wenigstens ein fragender Blick ist nicht ausgeschlossen. Eventuell sollte man vorher mal auf der Homepage von Rainald Grebe in den Videos stöbern und feststellen, ob man davon fasziniert ist oder überhaupt nichts damit anfangen kann. Dementsprechend würde ich zu ‘Global fish’ raten oder eben nicht.


Infos bei 
www.rainaldgrebe.de

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