RAINALD GREBE
& DAS WALDBÜHNENORCHESTER HALLELUJA BERLIN 18.6.2011, Waldbühne Berlin
Rainald Grebe ging in die Waldbühne. Er sagte zwar, er wäre dort nicht alleine auf der Bühne, es gäbe auch ein
Orchester, ein Dromedar und er würde auch irgendwie seinen 40. Geburtstag nachfeiern - aber in Wahrheit wollte er vermutlich nur dort auftreten, weil es so unfassbar war. “Rainald Grebe geht in die Waldbühne”
- dieser Satz wäre vor fünf Jahren ja noch ein Witz gewesen. Etwas völlig Unrealistisches. Etwa so wie “Rainald Grebe fliegt zum Mond”. Gut - die Waldbühne hatte er jetzt gemacht, da war
auch der Mond plötzlich ein Stück näher gerückt.
Die riesige Waldbühne war nicht nur eine Herausforderung bezüglich ihrer Zuschauerkapazität, auch
geschichtlich hatte sie einiges zu bieten. Unter den Nazis wurde sie gebaut und war ab 1936 Veranstaltungsstätte für olympisches Geräteturnen, für Aufmärsche und Theaterspiele. Später gab es
klassische Konzerte, Boxkämpfe - Max Schmeling gab in der Waldbühne seinen Abschiedskampf -, Karl-May-Festspiele und ein legendäres Rolling Stones Konzert, bei dem der Zuschauerbereich so
demoliert wurde, dass die Waldbühne jahrelang geschlossen blieb. Spannende Sachen, die Rainald Grebe nicht ignorieren würde.
Schon ihre Bauweise als Open-Air-Stätte nutzte er, um am Nachmittag drei kurze, aber extrem heftige Wolkenbrüche im Vor-Vorprogramm zu inszenieren. Sie entsprachen in der Wasserstärke vielen tausend
Duschen, die alle gleichzeitig für einige Minuten bis zum Anschlag aufgedreht wurden. Super Idee, beeindruckendes Schauspiel, aber riskant. Vermutlich war er da ein wenig über das Ziel hinaus
geschossen. Aber ein hübscher Sonnentag ohne Wölkchen am Himmel wäre ihm für ein Open-Air-Konzert wohl zu einfach gewesen. Zu der Frage, wer die vielen Sitzplätze in der Waldbühne
füllen sollte, kam die Frage, wer angesichts des Wetters überhaupt noch kommen würde.
Aber die Zuschauer schienen Rainalds Abendplanung zu vertrauen und strömten ab dem Einlasstermin
ununterbrochen in das große Amphitheater. Das füllte sich langsam, aber stetig. Die ersten Zuschauer hatten gerade Plätze gefunden, da zog schon die “Bolschewistische Kurkappelle” immer wieder quer
durch die Arena und verbreitete mitreißende Marschklänge.
Zwischendurch sang ein Chor mehrstimmig Volklieder, und dann kamen unter Heldenmusik-Klängen
tatsächlich Boxer in den vor der Bühne aufgebauten Boxring und hauten sich ganz echt bei mehreren Kämpfen auf die Nase.
Das Publikum, das von dieser Art des Vorprogrammes überrascht wurde, reagierte aufgeschlossen,
feuerte die Boxer an und klatschte nach den Darbietungen laut. Es herrschte bunte Jahrmarktsatmosphäre. Die Sonne kam raus und einer der jungen Schmelings hatte nach einem Treffer Nasenbluten.
Auf der Bühne marschierten viele junge Turnerinnen auf, während auf der Leinwand hinter ihnen Olympiabilder 1936 von Leni Riefenstahl in schwarz-weiss abliefen. Die Ähnlichkeit der Bilder war
verblüffend. Damals wie heute lief bei den Turnern alles in geordneten Reihen ab und es gab keine Individualität, sondern nur Gleichmäßigkeit und überschaubare Ordnung. Eigentlich hätten die Mädchen
auf Schwebebalken und Matten turnen sollen, ebenso wie es Turner auf dem Pferd und am Reck hätte geben sollen, aber das war aus Sicherheitsgründen leider gestrichen worden. Die heftigen Regengüsse
am Nachmittag hatten Turngeräte und Matten durchweicht. Schade, denn damit wäre nicht nur der Bezug zur Olympiade und den Turnveranstaltungen noch viel deutlicher geworden, es hätte auch
wunderbar ins spezielle Waldbühnen-Vorprogramm gepasst.
Auf einmal war die Waldbühne bis oben gefüllt, es war offizieller Konzertbeginn, und auf der Bühnen-
Leinwand war plötzlich Rainald Grebe zu sehen. Er befand sich irgendwo im waldigen Backstagebereich, trug einen Indianderhäuptlingsfederschmuck und stand neben einem weißen Pferd.
Das Publikum jubelte auf und beobachtete mit Freude, wie er dem Pferd nervös erklärte, dass alles gar nicht so schlimm sei und das Pferd seinerseits nervös reagierte und den Häuptling nicht aufsitzen ließ.
“Das geht ja gut los”, hörte man Rainald sagen. “Gaaanz ruhig! Wo geht es hier rauf?” Während das Pferd aufgeregt tänzelte und nur durch den beherzten Griff der ans Halfter geklammerten Squaw am
Durchgehen gehindert wurde, zog sich der Häuptling vorsichtig hinauf und es ging langsam in Richtung Bühne. Alles live von einer Kamera übertragen. Unterwegs richtete der Häuptling salbungsvolle Sprüche
an das Publikum, immer wieder unterbrochen durch beschwörendes: “Gaaaaanz ruhig!”, das dem manchmal Sprünge einlegenden Pferd galt. Vielleicht galt es auch ihm selber. Cool und eindrucksvoll
war anders, aber ich war entzückt, denn es war ein Anfang, der genau Rainald Grebes Vorliebe für Brüche entsprach.
Als dann laute Winnetou-Filmmusik einsetzte und er tatsächlich auf dem weißen Wallach im sichtbaren
Bereich neben der Bühne erschien, brandete im Zuschauerraum lauter Jubel auf. “Hallo, Berliiiiin!” rief Rainald laut, und das Pferd machte samt ins Halfter gehängter Squaw eine nervöse Drehung und blieb
mit dem Kopf in Richtung Rückweg stehen.
Der Häuptling fragte laut, ob das Publikum gut drauf wäre und die Nacht mit ihm verbringen wolle, was
eindeutig und freudig beantwortet wurde, auch wenn es bei der Haltung Abzugsnoten gab, weil er immer noch mit dem Rücken zum Publikum auf dem verkehrt herum stehenden Pferd saß und seine
Fragen über die Schulter stellen musste. “Du müsstest dich eigentlich umdrehen, Joe!”, schlug er dem Pferd vor, das aber eher zurück in den Wald geprescht wäre, als sich zu den Zuschauern zu drehen.
“Gut, dann steig ich jetzt mal ab”, sagte Rainald und ließ sich langsam und sehr vorsichtig vom Pferd gleiten.
Als die Füße aus den Steigbügeln waren und er wieder Boden unter den Füßen hatte, änderte sich seine
Haltung sofort und er wurde zum Häuptling. Stolz und gelassen, mit erhobenen Armen kam er bis an die Brüstung und ließ sich in ruhiger Haltung von den in der Waldbühne versammelten Völker bejubeln, die
alle gekommen waren, um sich von ihm an diesem Abend führen zu lassen. Die Winnetoumusik unterstützte die heldenhaft verklärte Stimmung und die Szene hätte aus einem Karl-May-Film stammen
können. Was für ein wunderbarer Anfang! Ein glatter, heldenhafter Winnetou auf einem stolzen, geradeaus guckenden Pferd wäre dagegen langweilig gewesen.
Rainald Grebe griff in die Tasten des oben bereit stehenden Keyboards und sang: “Es gibt Länder,... “
und ein gewaltiger Chor fiel ein: “... wo was los ist.” Ein Großteil der Besucher war bei den Klassikern textsicher. “Klassiker”. Mir ging kurz durch den Kopf, dass ich gerade auf denselben Rainald Grebe
blickte, den ich vor sechseinhalb Jahren mit einer Vorstellung in einem ganz kleinen Raum erlebt hatte (etwas über 70 Zuschauer gingen eng nebeneinander hinein), und dass er damals wesentlich
zurückhaltender und fast introvertiert gewirkt hatte. Jetzt stand er lächelnd vor einem riesigen Publikum, das sich willig von ihm lenken ließ. Von Morenhoven in die Waldbühne - ich freute mich sehr,
dass ich beides miterleben konnte.
Martin Brauer und Marcus Baumgart, die Kapelle der Versöhnung, kamen in den Boxring vor der Bühne
und begannen mit der musikalischen Begleitung, und Rainald eilte im Laufschritt dazu und begann die Volkslieder mit “Vor meinem Vaterhaus steht eine Linde”. Das im Vorprogramm auf Marschrhythmus
trainierte Publikum klatschte freudig mit. Sachsen-Anhalter, Sachen, Thüringer, Mecklen- und Brandenburger jubelten auf Anfrage los, der Friedrichshainer Block schwenkte Fahnen. Es war sofort
Stimmung da und das Publikum musste nicht erst überzeugt werden. Rainald Grebe schwor alle zu einem großen Chor ein, er brüllte kurze Sätze vor, die Zuschauer brüllten nach. Dörte wurde dann laut
gemeinsam gesungen, und es war unglaublich, wie laut das beim Refrain wurde und wie schön “Dööööööörteeeee” gezogen wurde.
Danach gab es den Präsident und von der obersten Kante der Zuschauerränge setzte sich eine
riesengroße, luftgefüllte Weltkugel in Bewegung und rollte behäbig über die Zuschauer hinweg. Die halfen nach und gaben ihr immer neuen Drehschwung. Perfekt zum Ende des Liedes rollte sie genau
hinter Rainald her und sah einfach gigantisch aus.
Mit Angeln ging es weiter und Rainald stellte dabei alle Mitglieder des “Orchesters der Versöhnung”
vor. Neben Martin Brauer am Schlagzeug und Marcus Baumgart an der Gitarre waren das Serge Radtke am Bass, DJ Smoking Joe am DJ-Pult, Buddy Casino an der Orgel und das Streichquartett Helmut,
Ludwig, Horst und Erhardt. Auch ein mysteriöser, bandagierter Typ kam nach vorne, verbeugte sich und suchte sich dann einen Platz am linken Bühnenrand. Auf den sollte man aber nicht achten, betonte
Rainald. Außerdem kam Yusuf, das Dromedar, das aber zwei Höcker hatte und darum ein Kamel war. Vielleicht war im Vorfeld ein einhöckeriges Dromedar engagiert worden, dass dann passend zur großen
Waldbühne und den sensationellen Nummern doch auf ein zweihöckeriges Kamel erweitert wurde.
Das 20. Jahrhundert riss mit und vom Schlagzeug bis zu den Streichern wurde alles eingesetzt. Danach
Prenzlauer Berg, bei dem Rainald im Zwischenteil wieder zur C-Flöte griff und täuschend echt pädagogisch wertvolle Früherziehung nachspielte. Also schön quietschig und schrill überblasen. Am
Ende gab es überraschend eine kurze Text-Einlage aus “Casting Allee”, was nur diejenigen bemerkten, die das Lied kannten. Es passte reibungslos hinein. Als Nachschlag erzählte Rainald, dass im Prenzlauer
Berg alle mit den gleichen Designerbrillen herumliefen und setzt gleich selber ein großes Beispiel- Modell auf. War aber eher Marke Mit-dir-tanz-ich-nicht. Als er dann noch eine große Pfeffermühle
gereicht bekam, die er sich wie einen Bass umhängte, wurde vorfreudig geklatscht. Da konnten nur die Dreissigjährigen Pärchen kommen. Das war wieder so ein Klassiker, den viele kannten.
Zwischendurch wurde mitsingendes Publikum eingeblendet und die Kamera hielt auf einen Herrn, der
mit ausführlicher Gebärdensprache etwas mitteilen wollte. Zur Freude des Publikums unterbrach Rainald das Lied und versuchte die Wellenbewegungen der Arme zu übersetzen. Am Ende kam er
entnervt auf die Deutung “weitersingen”, was der Mann vermutlich auch gemeint hatte.
Mit musikalischem Getöse kam danach die die “Bolschewistische Kurkappelle” auf die Bühne und Rainald
warb ein wenig für die neue CD “Zurück zur Natur”, die es an diesem Abend im Sondervorverkauf gab. Darauf waren Lieder aus seinen Programmen “Alle reden vom Wetter” und “Zurück zur Natur”, und mit
der musikalischen Unterstützung der Bolschewisten sang er Auf’s Land. Heftig groovend ging es los, die Hektik der Großstadt war im Bauch zu spüren. Dann kam der sehnsuchtsvolle Mittelteil und das bis
dahin auf der Bühne ruhende Kamel erhob sich, lief zu Rainald und schmiegte seinen Kopf an dessen Schulter. Im Hintergrund erklang ganz sanft und klar eine wunderschöne Trompete oder ein Flügelhorn
- ich hab keine Ahnung und kann das nie unterscheiden - es war jedenfalls sehr, sehr schön gespielt.
Passend zum Thema folgte Landleben, auch da ging es um die Flucht aus der Stadt und die Suche nach
Ursprünglichkeit und Authentizität, die sich natürlich nicht einstellen konnten, wenn man den Landbewohner nur aus romantischer Verklärung spielte.
Ein robust gekleideter Mensch (Hans Krüger) mit einem großen grünen Papagei auf dem Arm tauchte
neben der Bühne auf und erzählte nuschelnd, dass er Falkner sei, aber nur noch einen sprechenden Adler in der Zoohandlung bekommen hätte.
Kaum war er weg, rollte der kleinwüchsige Klaus-Dieter Werner im Rollstuhl auf die Bühne, stieg aus
und war eigentlich nicht größer als vorher. Er war als Zeitzeuge da und erzählte, wie er 1965 als Fünfzehnjähriger dabei war, als auf der Bühne die Rollings Stones spielten und anschließend die
Waldbühne von 20.000 randalierenden Jugendlichen zerlegt wurde. “Wie war das damals, erzähl mal!”, forderte Rainald auf, und Klaus-Dieter erzählte.
“Ich möchte das heute abend nachstellen!”, wünschte sich Rainald und forderte sein Publikum auf:
“Steht auf! Kommt auf die Bänke!!” Das Publikum stand brav auf und einige stellten sich sogar auf die Sitzbänke. ‘”So, und jetzt fangt an zu trampeln!” rief Rainald anfeuernd. Die Kurkapelle spielte eine
antreibende Melodie, Rainald rief: “Trampeln, trampeln, trampeln!!!” und Klaus-Dieter rief: “Lauter, lauter, lauter!!” Manche Zuschauer hopsten vorsichtig auf ihrer Sitzbank hoch und runter, aber nicht zu
viel, denn die hätte ja echt kaputt gehen können. Wer wusste schon, wie das dann mit der Versicherung war. Hatte Herr Grebe eine Haftpflicht für solche Fälle? Es blieb alles viel zu brav für echte Randale,
aber mal ein Gefühl fürs Demolieren kriegen, ohne dass es dafür Ärger gab, war ja auch interessant.
Mittendrin rief Rainald: “Und Mick Jagger ist dann einfach gegangen, oder wie?”, winkte mit einer
kräftigen Armbewegung die Musik ab und ging zusammen mit allen Musikern ab. Hans-Dieter hampelte alleine und rief anfeuernd in die Menge, bis ihm der bandagierte Typ ein Tuch über den Kopf legte
und ihn einfach von der Bühne rollte.
Das Publikum johlte und legte dabei noch zu, als auf der Leinwand plötzlich der Frosch Falkenberg erschien, ein Kollege von René Mariks
Maulwurf. Unauffällig war eine schwarze Wand aufgebaut worden, hinter der nicht nur der Frosch, sondern auch der Maulwurf und der Eisbär warteten. Es gab
einige Kurzauftritte und Treffen der diversen Figuren, und am Ende ritt der Maulwurf mit einem Federkopfschmuck auf einem weißen Pferd davon. In Eleganz und Haltung hatte er dabei Ähnlichkeit mit Häuptling Grebe.
Inzwischen war es dunkler geworden und René Marik, der zur Verabschiedung hinter seiner Wand
hervorgekommen war, und Rainald Grebe, der zum Ende der Nummer auf die Bühne gelaufen kam, standen nebeneinander im lauten Applaus und guckten gemeinsam in das weite Rund der
Zuschauerränge. “Die Waldbühne, Renè”, sagte Rainald und es war ein wenig Ungläubigkeit und viel Staunen in ihren Augen zu sehen.
Nach dem Blick in die Runde war es sehr passend und wie eine Bestätigung, dass sich Rainald an den
Flügel setzte und Oben sang. “Ich bin oben, ich hab’s geschafft”, selten war das Lied passender als angesichts dieser Zuschauerzahlen. Und es waren ja nicht nur viele Zuschauer da, sie waren auch
bestens gelaunt und die Stimmung ging ungebremst bis in die obersten Reihen. Wie übrigens auch der Ton, der bis oben erstaunlich klar und differenziert zu hören war, ohne dass er unten zu laut war.
Rainald führte souverän durch den Abend und hatte alles in der Hand. Hätte er verlangt, dass sich die Zuschauer für das nächste Lied mit dem Rücken zur Bühne setzen, die meisten hätten es sofort
gemacht. Sie hätten dazu auch noch mit den Zehen gewackelt, wenn er es gewünscht hätte.
Nach dem Oben-Lied passte der Diktator der Herzen, auch wenn die Massen Rainald Grebe aus
anderen Gründen gehorchten als einem Diktator.
Im Schlussakkord griff er unerwartet zu einer Pistole und erschoss sein Lieblingskamel. Das nahm sein
Fell ab und zwei Menschen guckten empört heraus. Der vordere war This Maag, selber Bühnenkünstler, und er griff zum Mikrofon und beschwerte sich mit Schweizer Akzent: “Das ist jetzt schwierig. I-ch
bin neutraaaal.” Sie packten die Kamelhülle und zogen ab.
“Und jetzt ein Welthit - aus alter Zeit”, kündigte Rainald an, setzte die Diktatoren-Mütze ab, blickte in
die dunklen Zuschauerränge und wünschte sich: “Langsam ist es Zeit für die Leuchtmittel, liebe Freunde!” Die Neunziger Jahre begannen und überall in der Waldbühne blitzen Lichter auf, wurden
Taschenlampen und Knicklichter geschwenkt, und es sah aus wie ein Meer von Sternen. Sehr beeindruckend! Vor den ruhig gesungenen Schlußzeilen sagte Rainald beim Blick in die Ränge: “Ist das
schön!” und strahlte. In den Applaus hinein sagte er glücklich lächelnd: “Mein Gott, so habe ich mir das immer gewünscht.”
In diese berührende Stimmung passte Mann ohne Gefühle, das sowieso zu meinen geheimen
Lieblingsliedern gehörte. Ein emotionales Lied über Enttäuschungen und den Versuch nicht mehr verletzt zu werden. Der einsame Cowboy, der ganz hart sein will.
Und als wäre das noch nicht schön und herzschmelzend genug, schickte Rainald danach alle anderen
Musiker von der Bühne, um noch privater zu werden. Auf der Leinwand zeigte er Fotos aus seiner Kinderzeit. Ein Rückblick in die 70er, der unerwartet wie aus einer lang vergangenen Zeit wirkte. Es
lag vielleicht an den Farben der Fotos, an den Frisuren oder den braunen Gardinen im Hintergrund, dass es so sentimental machte. Hatten nicht fast alle solche Fotos zuhause, die wie aus einer anderen
Welt waren? Rainald machte lustige kleine Bemerkungen, die trotzdem warm und berührend waren.
Dann sang er alleine am Klavier Familie Gold, ein sehr autobiographisch geprägtes Lied über die
Kindheit in einer scheinbaren Bilderbuchfamilie. Es gab im Abschluß viel Applaus und sofort danach Massenkompatibel mit beeindruckender Lichtshow. Mal war nur Rainald im Scheinwerferkegel zu
sehen, bei den Refrains gab es dann die volle Ladung Bühnenlicht.
“Und jetzt zum ersten, einzigen und letzten Mal spielen wir alle Länderhymnen im Block”, kündigte
Rainald an und die Zuschauer jubelten. Doreen aus Mecklenburg und Sachsen-Anhalt wurden mit Begeisterung aufgenommen, dann wurde ein großes Krokodil auf die Bühne geschleppt, das die
Erderwärmung thematisieren sollte. Es sollte eine Bauchrednernummer werden, die aber an der Taubheit des Krokodils scheiterte, wie der sich aufregende Hans Krüger, der aus dem großen Tier
kletterte, erklärte. “Scheiße!” brüllte er, ging ab und die Helfer schleppten die riesigen Tierteile von der Bühne.
Auch ohne Krokodil zeigte sich der Klimawandel in Sachsen, als plötzlich nicht nur das wiederbelebte
Kamel - diesmal auf Rollschuhen -, sondern auch drei große Pinguine auf die Bühne kamen. Der eine Pinguin drängte sich permanent an Rainald und am Ende des Liedes gab es eine gewaltige Knutscherei
mit den beiden. Die Kamera übertrug alles groß auf die Leinwand, das Publikum johlte und Rainald hob den Kopf und grinste mit lippenstiftverschmiertem Gesicht: “Das war privat!” Der Lippenstift blieb
verschmiert um den Mund, was sehr an einen Clown erinnerte, und es ging mit Thüringen weiter.
Danach kündigte Rainald das große Höhenfeuerwerk an. Die Zuschauer jubelten - was sie aber
inzwischen bei jeder weiteren Programm-Ankündigung gemacht hätten. Die Stimmung war einfach grandios. Die Kamera schwenkte auf den bandagierten Typen, der einige Tischfeuerwerkpatronen
anzündete. Hinter ihm fiedelte das Streicherquartett Händels Feuerwerksmusik, aber die Hütchen der bunten Papprollen poppten nur kaum sichtbar hoch. Für Feuerwerk war das zu wenig. Aber vielleicht
erklärte diese Tätigkeit, warum der Typ so bandagiert war.
Rainald erklärte, dass sie leider wegen der Waldbrandgefahr kein Feuerwerk machen durften.
Stattdessen kam Hans Krüger, diesmal völlig tierlos, dafür mit “Holzfeuerwerk”. Das Holzfeuerwerk waren hölzerne Scherengitter, die sich beim Auf- oder Zuklappen blitzschnell meterhoch strecken
konnten. Raketen ohne Knall - verblüffend und beeindruckend. Einige Helfer machten mit, und plötzlich war die Bühne voll mit hochschnellenden Holzspalieren, von denen sich einige sogar spiralförmig drehen
konnten. Das Publikum reagierte begeistert. Die bis dahin so lustige Textzeile: “Sieh mal da oben, Biofeuerwerk!” war plötzlich Realität geworden.
Inzwischen hatten sich alle Mitwirkenden des Abends auf der Bühne eingefunden, was die Dimensionen
der Waldbühnen-Bühne relativierte, denn die war jetzt bis zum Rand voll mit Rainald, Kapelle, Chor, Musikern und Holzfeuerwerkern - nur das Pferd fehlte. Rainald erklärte das Problem des Abends: “Im
Wald wohnt eine Anwaltskanzlei und das heißt, wir müssen um 23 Uhr Schluß machen.” Ehe die Zuschauer entsetzt reagieren konnten - gefühlt waren alle gerade so mittendrin im Konzert - sagte Rainald Brandenburg
an und der Jubel brach durch. Und sofort wurde laut mitgesungen. Und zwar so ernsthaft, als wäre es wirklich eine Hymne. Ich hätte mich nicht gewundert, wenn ich Zuschauer gesehen hätte, die eine Hand aufs Herz legten.
Beim ersten Refrain donnerten Pauken los, das Licht strahlte auf, und rechts und links vor der Bühne
entrollten sich zwei große Berlinflaggen. Alles war gigantisch, und wären nicht Bären in die Mitte der Flaggen gemalt gewesen, hätte es auch die triumphale Stimmung am Ende einer Parteiversammlung sein
können. Das war sicher kein Zufall. Die Inszenierungen mit gloriosem Ende waren sich ähnlich. Zum Glück war es nur Rainald Grebe, der gefeiert wurde, aber eine gewisse Art von Beeindruckung und
sentimentalem Gemeinschaftsgefühl machte sich schon breit.
Rainald rannte nochmal zum Boxring, wo er mit ausgebreiteten Armen vor der Menge stand und den
gewaltigen Zuschauerchor beim vielfach gesungenen und ganz sicher laut bis zum Anwalt im Wald durchdringenden Refrain “Halleluja, Berlin!” dirigierte, dann eilte er zurück auf die Bühne und
kletterte ganz unheroisch ein Stück auf einer Klappleiter hoch, auf der er das Konzert beendete.
In den tosenden Jubel hinein rief er: “Ich würde gerne bis sechs Uhr morgens weiterspielen, aber wir
dürfen ja nicht!!” Der Applaus, das Geschrei und der Jubel klangen, als würde die Waldbühne jetzt doch noch abgerissen. “Danke!”, rief Rainald in die Menge, “Bis zum Fünfzigsten!! Gute Nacht!” Er ging
ab, und von den begeisterten Zuschauern gab es laute Zugabe-Rufe und gellende Pfiffe. Erst als kurz danach “Es ist gut” vom Band eingespielt wurde und das Licht auf der Bühne bis auf eine
Notbeleuchtung erlosch, war klar, dass das Konzert wirklich beendet war.
Was für ein großartiges Erlebnis!
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