“Dirk Bach ist dabei!” wurde gesagt, was für mich Grund genug war, Karten zu kaufen. Als ich dann die weitere Liste
sah, bekam ich große Augen, denn es waren auch noch Ralph Morgenstern und Isabel Varell aufgeführt, außerdem Mary Roos, Pe Werner, Isabel Trimborn und Lilo Wanders - irgendwie eine unglaubliche Mischung mit vielen
Künstlern, die ich gerne mochte. Dass es auch einige gab, auf die ich hätte verzichten können, war da nicht weiter tragisch, denn der Abend versprach kurzweilig und lustig zu werden.Dirk Bach hatte schon im letzten
Jahr mit viel Erfolg die Benefiz-Veranstaltung “Cover me” organisiert, bei der die auftretenden Künstler ihre Lieblingslieder coverten und dabei von einer sechsköpfigen Live-Band begleitet wurden. Sie sangen alleine
oder im Duett und nahmen dafür keine Gage. Die gesamten Einnahmen des Abends gingen an das Lebenshaus e.v. Köln, einer Einrichtung, die besonders AIDS-erkrankten Menschen Hilfe bietet und Hospizplätze anbietet. Das
Publikum im Limelight war sehr gemischt. Es waren alle Altersklassen vertreten, die Hauptfarbe bei der Kleidung war schwarz mit leuchtend roter Schleife am Revers. (Heißt die eigentlich AIDS-Schleife oder ist das nur
meine ungeschickt umgangssprachliche Bezeichnung?) Es gab Männer, Frauen, schwule Paare, Alte, Junge, und in den beiden ersten Reihen viele weibliche Teenies, die wahrscheinlich wegen Juliette (Deutschland sucht den
Superstar) gekommen waren und für einen guten Platz sicher stundenlang vor der Türe gewartet hatten. Ich stöhnte innerlich: “Die passen überhaupt nicht hierher und werden bestimmt loskreischen, sobald Juliette
auftaucht!” und guckte erwachsen. Doch dann fiel mir ein, dass ich bei Dirk Bach auch begeistert johlen würde, was von den Teenies vielleicht ebenso verwundert bemerkt werden würde. Wir jubelten eben nur verschiedenen
Objekten zu, und ich nahm mir vor, das locker zu sehen und tolerant zu sein. Im Foyer verkauften drei mehr oder weniger schwule, blauglänzend gekleidete Weihnachtsmänner Lose. Jedes Los 5,- Euro, aber dafür gab es
keine Nieten, und der Erlös ging ebenfalls ans Lebenshaus. Der Weihnachtsmann rasselte während der Losauswahl mit einem Schellenband, damit man Glück beim Ziehen hatte, und dann konnte man gleich zur Preisausgabe gehen
und sich den Gewinn abholen. Ich hoffte auf eine Flugreise, oder das Dirk-Bach-T-Shirt, oder auf eine der Weihnachtskugeln mit den vielen Unterschriften der Künstler, aber irgendwie hatte sich mein Weihnachtsmann
verklingelt und es gab ein Buch und eine CD. Immerhin. Die Dame neben mir freute sich noch über einen Sauna-Gutschein, bis ihr der nette Mann bei der Gewinnausgabe bedauernd erklärte, dass der Gewinn für eine
Kölner Schwulen-Sauna gelten würde. Sie nahm es mit Humor und überlegte sofort, welcher ihrer Freunde sich über so ein Weihnachtsgeschenk freuen würde. Aber endlich g ing es los. Der Vorhang öffnete sich, Nebel wallte, Scheinwerfer leuchteten, und
auf einem dicken Motorrad saß ein knapp bekleideter Dirk Bach in hautengem Glitzeranzug und grölte “Come on” von Gary Glitter. Der Sound war laut, wummerig und eigentlich nicht gut, aber die Show
brachte gleich Stimmung in den Saal. Dirk Bach sprang nach einigen Zeilen vom Motorrad, stapfte in hohe n Plateaustiefeln über die Bühne und sang sich die Kehle aus dem wenig bekleideten Bauch. Sehr witzig und für mich der richtige Einstieg in den Abend. Die Band hieß “Begleitagentur” und war
klasse, die Lightshow war gut, und als Dirk Bach am Ende des Songs die Bühne verliess, gab es lauten Applaus. Ulla Kock am Brink betrat als Moderatorin des Abends die Bühne und wies gleich auf drei
Gehörlosen- Dolmetscherinnen hin, die abwechselnd am Bühnenrand standen und den kompletten Abend simultan für eine Gruppe Gehörloser übersetzten. Eine supergute Idee und sehr interessant zu beobachten!! Bei der Frage nach einem Traumpaar des Gesanges
schallten aus dem Publikum sofort Antworten wie “Cindy und Bert”, “Sonni und Cher” und “Nina und Mike”, was deutlich machte, dass das Publikum weit über der Teenie-Grenze lag. Isabel Varell und Bernd von Fehrn
hatten aber ein anderes Paar im Sinn und sangen von Frank und Nancy Sinatra den Hit “Something stupid”. Es war zunächst wunderbar romantisch, als sie sangen, hocherotisch, als sie sich
in einer textfreien Pause lange und wild küssten, und umwerfend komisch, als sie danach beide bis zu den Augen knallrote, lippenstift-verschmierte Gesichter hatten und selber immer wieder lachen
mussten, wenn sie sich ansahen.
 Kim Fischer
überzeugte danach mit ihrem Gesang und ließ dazu manchen Zuschauer gebannt auf ihr Dekolletee und das tiefliegende Top starren, das nicht ganz haltfest aussah, es dann aber doch war.
Pe Werner und
Isabel Trimborn grölten eine “Ich glotz TV”-Variante, Mary Roos swingte “Route 66”, und dann kam Juliette Schoppmann und die Mädels aus den beiden ersten Reihen jubelten los. Ich war
tolerant und grinste nur. Juliette sang “It’s raining man”, der Backgroundchor bestand aus Marion Radtke und Pe Werner, und es war ein Genuß auch
hin und wieder zur Dolmetscherin zu gucken, die vom Himmel herabfallende Männer veranschaulichte. Am Ende gab es Standing Ovations von den ersten beiden Reihen, die in diesem
Auftritt natürlich den Höhepunkt des Abends sahen. Ich blieb tolerant und musste sogar zugeben, dass Juliette live netter, als bei den “Superstars” wirkte. Ades Zabel
faszinierte mich eher mit dem vorne höherliegenden Rock, als mit seinem Auftritt, aber insgesamt wurde ich sehr gut unterhalten und freute mich auf jeden weiteren Act. Marion Radtke sang ein Alexandra-Lied, und
Isabel Trimborn, die ich schon vor vielen Jahren mit Dirk Bach im legendären “Rotkäppchenreport” gesehen hatte, sang einen Dean Martin-Song, bei dem der Saal reihenweise mitschunkelte.
  
Mit dem uralten Vicky-Leandros-Song “Ich liebe das Leben”, der mir kein Begriff war, von vielen im Saal aber laut mitgesungen wurde, machte Ralph Morgenstern weiter. Am Ende klatschte er
wie die Gehörlosen, die den Applaus immer mit hocherhobenen, wackelnden Händen anzeigten, und der Saal klatschte auf die gleiche Weise mit. 
Es war Pause, die meisten Besucher strömten ins Foyer und alle Mädchen aus den vorderen Reihen zum
seitlichen Bühneneingang, weil dort Juliette rauskam und Autogramme gab. Ich blieb auf meinem Platz sitzen und guckte zu, wie ein Pulk von Mädchen ganz eng um einen für mich
unsichtbaren Mittelpunkt stand und immer wieder Blitzlichter aufleuchteten.
Leider ging es nach der Pause im Programm weiter, bevor alle Besucher wieder im Saal waren. Das
war natürlich unruhig, und während Ulla Kock am Brink schon das weitere Programm moderierte, blieb ein Saallicht an, und die Zuschauer begaben sich zu ihren Plätzen. Auch manche
Unterhaltung war noch nicht zu Ende geführt, so dass es schon störte, bis alles ruhig war. Den ersten Programmpunkt startete die Band, bei der ein Alphorn die Leadstimme von “Dschingis Khan”
spielte. Das 70er-Jahre-kundige Publikum setzte passend mit “Ha-ha-ha-haaa!” und “Ho-ho-ho-hoooo!” ein und hatte Spaß. Auch wenn es etwas ungewöhnlich war, das Alphorn war
knallelaut und wurde supergut und sehr sauber gespielt. Dass ich allerdings bei “Dschingis Khan” mal begeistert mitsingen würde, hätte ich vor einigen Jahren auch nicht gedacht.
 Bernd von Fehrn wurde anschließend zur Verschmelzung von Benny + Björn und zusammen mit Dirk Bach und Georg Ücker zu ABBA. “Mamma Mia” schallte laut durch den Saal, und es wurde
schräg, denn “Agnetha” und “Ana-Frid” hatten heiße, pinkfarbene Kostüme und hohe Stiefel an. Beide hatten offenherzige Einsätze im Oberteil, durch die bei
Georg Ücker die Brust, bei Dirk Bach eher der Bauch zu sehen war. Sehr witzig.
Kim Fischer sang ein sehr schönes “ Ne me kite pas” und hatte dabei leider ein defektes Mikrofon, das manchmal gar nichts übertrug. Sie lachte zur aktiven
Gehörlosen-Dolmetscherin hinüber und rief: “Ich glaube, man kann dich besser verstehen, als mich gerade!”, doch da wurde das Mikro schnell ausgetauscht, so dass sich alle ganz auf das Lied
konzentrieren konnten. Ich erlebte an diesem Abend mal wieder etwas, was ich schon lange wusste, nämlich, dass manche Leute supergut singen können, auf dem Musikmarkt aber oft gar nicht,
oder mit eher schrottigen Sachen zu finden sind und darum von mir nicht gehört werden. Einige finde ich sehr nett, sie haben tolle Stimmen und ganz viel Musikgespür, aber ihre veröffentlichten
Lieder hauen mich oft nicht vom Hocker. Schlager scheinen sich besser zu verkaufen, als richtig gute Musik, und ich vermute stark,
dass sie zum Teil ganz gerne auch andere Sachen singen würden. Na, vielleicht vertue ich mich auch und habe nur selber einen etwas seltsamen Musikgeschmack, aber ich denke, dass sie oft
unterschätzt werden und seichter bleiben müssen, als sie sind. Die
3. Generation sang “Der Manager” von Rio Reiser und ich guckte erstaunt. Den Namen der Gruppe kannte ich, aber irgendwie hatte ich dabei eher an eine sehr, sehr junge Boy-Group gedacht.
Hier rappten drei ziemlich normale Typen über die Bühne, die aussahen, als wären sie eben an einer Ruhrpott-Frittenbude abgeholt und auf die Bühne geschickt worden. Als Kontrast kam danach Lilo Wanders
auf die Bühne, die trotz Verkleidung eben einfach Lilo Wanders war.
Dann eines der Highlights des Abends: Isabel Varell
und Georg Ücker sangen “Je t’aime”. Sie waren ganz ernsthaft, warfen sich leidenschaftliche Blicke zu und stöhnten sich dabei an den passenden Stellen laut an. Als Krönung stand die Gebärden-
Dolmetscherin am Bühnenrand und versuchte den Text zu übersetzen. Das war nicht ganz einfach. Sie rollte mit den Augen, griff sich ans Herz und stellte dabei mit verzerrtem Gesicht große Schmerzen dar.
Es sah eher nach Magenkrämpfen, als nach leidenschaftlicher Liebe aus und war superwitzig! Das Stöhnen nahm ungeahnte Dimensionen an und die Stimmung im Saal stieg weiter an. Nebenbei
gesagt gefiel mir Georg Ücker so smart viel besser, als vorher, als er eine etwas unangenehm tuntige Ana-Frid dargestellt hatte. Der dicke Applaus galt am Ende genauso der Dolmetscherin, die sich völlig verausgabt hatte.
Juliette Schoppmann und Pe Werner brachten “Tears in heaven” und ich war von der Interpretation nicht ganz angetan. Singen konnten sie, das war unbestritten, aber ein so
trauriges, schönes und dabei schlichtes Lied mit Reggae-Rhythmus zu versehen, mitzuschnippen und dann auch noch zum Mitklatschen zu animieren, fand ich etwas unpassend. Hey! Tränen im Himmel - singt mit!!!
Dafür war dann der Modern-Talking-Hit, den Dirk Bach und Mary Roos sangen, wieder wunderbar schräg. Nicht schräg gesungen, dafür schräg anzusehen. Dirk trug dazu eine Kette um
den Hals, auf der ganz groß der Namenszug “Mary” prangte und die beiden gaben ein nettes Paar ab. Dass es ihnen Spaß machte zusammen zu singen, konnte man jedenfalls sofort merken. 
Am Ende gab es dann das große Finale. Alle Teilnehmer kamen auf die Bühne und sangen
zusammen “Happy x-mas” von John Lennon und Yoko Ono. Also sie WOLLTEN es zusammen singen, aber es wirkte, als ob sie es nicht geübt hätten, weil sie davon ausgegangen waren, dass das
jeder konnte. Es gab unterschiedliche Einsätze, verschiedene Tonarten und zu wenig Textblätter. Hätte nicht die Band einigermaßen den Überblick behalten, wäre es wohl ganz ins Chaos
zerbröckelt. Aber es war nicht schlimm. Sie strengten sich an, hatten Spaß, versuchten die passenden Stellen zu finden und sangen drauf los. Ich fand es witzig, wunderbar chaotisch und
vermisste die Perfektion im Schlußbild überhaupt nicht. Der ganze Abend hatte so familiär gewirkt, ich hatte mich als Zuschauer sehr wohl gefühlt und viel vom Spaß auf der Bühne
mitbekommen und genoß nun einfach das Gewusel und Gelächter vor mir.
 
 
 
Endbemerkung: Ein sehr lockerer, kurzweiliger, schöner Abend, den ich im nächsten Jahr gerne wieder ansehen würde! |