Gute Musik auf dem Ringfest war nicht einfach zu finden. Das meiste, was ich von den diversen Bühnen zu hören bekam,
konnte ich einfach nicht in die Rubrik ‘Musik’ einordnen, sondern eher in ’Rhythmus’ oder ‘Lärm’ oder sogar in ‘Folter-zum-Blödwerden’. Na, wer’s braucht, soll’s haben, aber ich stand lieber vor der WDR4-Bühne und hörte
mir Musiker an, die es können. Götz Alsmann war dran und der spielt selbst ziemlich seichte Schlager aus
früheren Zeiten so toll, dass die gute Musik darin zu erkennen ist. Man mag ihn entweder ganz oder gar nicht. Manchen Leuten geht seine Selbstinszenierung gewaltig auf die Nerven, aber mir gefällt seine persönliche
Art sehr gut, ich mag seine Haartolle, sein Festhalten an der Nierentischzeit, die schmuseweiche Stimme und sein augenzwinkerndes Auftreten mit viel Humor. Außerdem ist er ein wahnsinnig guter
Musiker, bei dem es swingt und jazzt und der Schätzchen auskramt, die sonst längst vergessen wären.Neben den musikalischen Schätzchen waren es diesmal auch die beiden Gäste, auf die ich
mich sehr freute. Bibi Johns und Bill Ramsey, auch irgendwie von früher, aber mit Sicherheit noch heute voller Musik. Können hat nichts mit dem Alter zu tun, und ich finde
es schade genug, dass man viele Künstler kaum noch bei Auftritten sieht, obwohl sie fit und aktiv sind, nur eben etwas älter. Jedenfalls freute ich mich auf den Auftritt, und da
er gleich nach den Wise Guys begann, blieb ich einfach stehen und wurde von nach vorne drängenden Götz Alsmann Fans umrahmt, die die freien Plätze der Wise Guys Fans
einnahmen. (Obwohl es eigentlich unter den nicht ganz so jungen Wise Guys Fans erstaunlich viele Götzi-Fans gibt) Zunächst kamen die Musiker der Band auf die Bühne, der Percussionist staubte sorgfältig den Klavierhocker des Meisters ab und
setzte sich dann sogar hin- und herwedelnd darauf, um ihn zu polieren. Alle hatten korrekte dunkle Nadelstreifenanzüge an und wirkten sehr seriös. Als alles vorbereitet war, kam unter Jubel der Chef auf die
Bühne, hatte einen hellen Anzug an, natürlich mit Brusteinstecktuch, die Tolle war hochgekämmt und es ging gleich swingend und mitreißend los. Bassgitarre und Schlagzeug lieferten ein exaktes
Fundament, der Percussionist gab passende Akzente und der Posaunist war einfach immer perfekt an der richtigen Stelle mit dem ri chtigen Ton da. Dazu Götz Alsmann singend am Flügel - einfach klasse!
Während mir Schlagzeuger und Gitarrist nicht besonders aufielen, weil sie halb verdeckt hinter dem Flügel standen und so unauffällig gut und genau spielten (sie waren so perfekt, dass sie einfach nur da
waren und sich durch keinen Fehler bemerkbar machten), fiel mir der niedliche Percussionist mal wieder sofort auf. Ich beobobachtete vergnügt, mit welcher Hingabe er auf die Bongos klopfte oder wie
ernsthaft er im richtigen Moment über die Metal lringe strich, um ein Glockengeräusch zu
erzeugen. Sehr süß! (Eine reine Feststellung ohne ernsthafte Absichten! *grins*)
Konkurrenz bekam er aber auch von dem Posaunisten, der so lässig genau die passenden
Töne ganz sauber traf, und in seinen Pausen immer wieder zufrieden auf Götz Alsmann oder den Percussionisten guckte und dabei so nett lächelte, bevor er wieder die Posaune ansetzte und die nächsten Töne blies.
Nach den ersten Liedern kam Bibi Johns auf die Bühne, war zierlich, klein und sehr süß, und sang eine Art Medley ihrer Hits, ‘Sag mir wo die Blumen sind’, ein Lied von Gilbert
Becaud und ein romantisch-schönes ‘Dankeschön’.
Götz Alsmann wurde sofort vom Hauptdarsteller zur kompetenten Begleitung und überließ
ihr die volle Aufmerksamkeit des Publikums. Genauso muß es sein; er läßt seine Gäste im Mittelpunkt stehen und begleitet sie musikalisch sehr einfühlsam. Ich mußte an Fred
Astaire denken, der sich im Tanz immer an seine jeweilige Partnerin angepaßt hatte und sie alle gut aussehen ließ. Bibi Johns, deren Stimme schön jazzig sein konnte, auch wenn sie
nicht besonders laut war, kam sehr gut an und bekam viel Applaus. Ein besonders schönes Bild gab es, als ein ungewöhnlich großer Fotograf die sehr zierliche und fast kleine Bibi
Johns fotografieren wollte, und sich mit dem Oberkörper fast waagerecht neben ihr runterbeugen mußte, damit die Kamera vor seinem Auge überhaupt in ihre Kopfhöhe kam.
Danach ging es erstmal mit der Band weiter. Götz Alsmann, der begnadete Selbstdarsteller hatte das Publikum im Griff, sang sanft ins Mikro, fetzte los, swingte und rockte auf dem
Flügel und warf zwischendurch Kusshände ins Publikum. Sehr mitreißend und hochmusikalisch. Die Fans honorierten alles mit Klatschen und Jubeln, und die Stimmung war klasse und
wegen der brennenden Sonne auch richtig heiß.
Hilfskräfte verteilten Wasser aus Eimern und
rannten völlig verschwitzt nach immer neuem Nachschub, damit drohende Hitzekollapse der Zuschauer verhindert werden konnten. Leider gab das eine ziemliche Hektik im Bereich zwischen Bühne und Absperrung, und als Götz
Alsmann bei einem sanften Lied ganz leise wurde und nach dem ungefähren Wortlaut: “die Kinder werden stumm”, eine kurze Pause machte, hörte man einen der Helfer laut: “Noch Tassen da?” ins Publikum rufen. Es gab
natürlich Gelächter, auch wenn es eigentlich ziemlich störend und blöde war.
Zu einer kleinen Pause verließ die Band die Bühne und Götz Alsmann packte eine kleine Ukulele aus, erzählte ein bißchen viel über Mozart und schaffte es dann den ganzen Platz sehr still zu
bekommen, als er spielte. Ein einzelner Mann, der auf einer großen Bühne vor einem Mikro steht, ein ruhiges Lied singt, sich auf einer kleinen Ukulele mit mageren vier Saiten begleitet und
Hunderte von Leuten zum Zuhören kriegt. Wow! Das schafft nicht jeder. Die Band kam zurück, spielte noch was Nettes, dann war der zweite Gast dran, Bill
Ramsey. Vorher hatte mir noch eine ältere Frau erzählt: “Der Ramsey hat ‘Ohne Krimi geht
die Minni nicht ins Bett’ gesungen. Und er hat deutsche Filme gespielt.”, aber abgesehen davon, dass die Dame ‘Mimi’ hieß und ‘nie’ ins Bett ging, konnte Bill Ramsey richtig gut jazzen, was in Deutschland aber
leider nie so richtig gefragt war.
Er legte jedenfalls gewaltig los, mußte bei einer Einleitung sogar “wie die Mainzer Hofsänger knödeln”, weil das so geschrieben war, wie er vorher warnte und
sagte dann sehr witzig mit seinem amerikanischen Akzent: “Isch muß die Hände rrrischtig halllten wegen die knödellln.”
Sein ‘Route 66’ war klasse, besonders weil er auch Reime auf die Route 65, 64, und 63 hatte, aber als er dann ‘Georgia’ sang, lief
mir eine Gänsehaut den Rücken runter. Nicht nur, weil er vorher Götz am Flügel als ‘Nat King Cole’ vorstellte, den tollen Musiker und Sänger, den kaum noch einer kennt, sondern
weil in ‘Georgia’, gesungen von Bill Ramsey, mehr Musik steckte, als an allen anderen Ring-Bühnen an diesem Tag zusammen gemacht wurde. Es war eine unglaubliche Dynamik, ganz viel tiefes Gefühl und
einfach total supergut. Hey, ich will Bill Ramsey öfter hören!!
Im weiteren Verlauf des fast zweistündigen Konzertes hörte ich noch ein Duett von Bill Ramsey und Bibi Johns, viel Götz Alsmann mit Band, erlebte eine heiße Tanznummer von Götz und dem Posaunisten,
die die Luft zum kochen gebracht hätte, wenn die nicht sowieso schon geflimmert hätte, und war am Ende sehr begeistert. Göt z Alsmann und Band von dem tollen Publikum auch, denn sie gaben eine Zugabe mehr als geplant
und hatten sichtlich Spaß an dem Auftritt.Auf dem Rückweg quer durch die hämmernden Rhythmen hörte ich den ganzen Ring entlang nur noch im Bauch klopfendes “WummWummWumm”, sah auf diversen
Bühnen hüpfende, bauchnabelfreie Mädels und war zum Glück gerade an der Bühne vorbei, auf die Jürgen aus dem Big Brother Container trat und “Seid ihr alle gut drauf???” brüllte. Scheinbar hatte ich auf
der WDR4-Bühne am Sonntag mit den Wise Guys, Götz Alsmann und Band, Bibi Johns und Bill Ramsey den größten Anteil an richtig guter Musik erlebt, der auf dem gesamten Ringfest zu hören war. |