Seit ich Musik hören kann, gibt es Reinhard Mey. Mit seinem Gitarrenbuch lernte ich in frühester Jugend eine Menge
Akkorde zu spielen und begleitete mich auf der Gitarre lässig bei “Über den Wolken” und “Ankomme Freitag, den 13.” Zum Glück gibt es davon keinerlei Tonaufnahmen. Die LPs dudelten oft über meinen Plattenspieler
und ich freute mich, wenn ich Reinhard Mey im Radio hörte oder im Fernsehen sah. Sein “Über den Wolken” gehört heute noch zum Gitarrenabend-Repertoire (inzwischen lasse ich lieber andere spielen) und ganz unvermeidlich
ist am Ende sein wunderschönes “Gute Nacht, Freunde”. (Meistens spielen wir danach aber noch weiter.) Als dann im letzten Jahr mein Sohn fröhlich singend nach Hause kam und im Musikunterricht “Der Mörder ist immer der
Gärtner” gelernt hatte, fand ich das total klasse und sehr logisch.Vor etwa 15 Jahren waren wir mal in der Kölner Philharmonie auf einem Konzert von Reinhard Mey, und es hatte uns sehr gut gefallen. Er war total
nett, es gab viel zu lachen, eine Menge ruhige, nachdenkliche Töne, und der ganze Abend war rundum schön. Jetzt also endlich wieder ein Konzert. Ich hatte in den letzten Jahren zwar hin und wieder mal ein Lied von ihm
gehört, kannte mich aber nicht wirklich aus. Etwas seltsam. Irgendwie schon ein Reinhard Mey Fan, aber keine Ahnung, wohin ihn die letzten Jahre musikalisch gesehen geführt hatten. Den Kauf seiner neuesten CD “Rüm hart”
verkniff ich mir dann aber auch, um wirklich ganz unvorbereitet in das Konzert zu gehen. In der Mitte der Kölner Philharmonie stand eine einsame Gitarre im Lichtkegel, und der Saal füllte sich langsam. Die Zuschauer
waren im Schnitt schon etwas älter, aber es gab auch viele Frauen um die 20. Als das Saallicht ganz langsam ausging, kam sofort Applaus und ein Techniker sprang auf die Bühne. Ach nee, das war schon Reinhard Mey!
Schwarze Jeans, T-Shirt, schmale, jungenhafte Figur - völlig unkompliziert. Er griff lächelnd zur Gitarre, stellte sich vor das Mikro und legte einfach los. Und da war er sofort: Der Reinhard Mey Sound, der mich
schon mein Leben la ng begleitete. Schnell gezupfte Gitarre,
dazu die leicht von Wort zu Wort hopsende, springende Stimme mit den markanten Betonungen und manchmal das typische, flackernde Vibrato, wenn ein langer Ton kam. Völlig vertraut und so, als ob ein guter
Freund auf der Bühne stand. Sehr seltsam. Ich kannte Reinhard Mey überhaupt nicht richtig, hatte aber das Gefühl ihn durch seine Lieder doch zu kennen. Völliger Quatsch, ich weiß, aber immerhin hatte
er mich schon mehr als 30 Jahre lang begleitet, mir Gitarrenakkorde beigebracht und meine persönliche Entwicklung beeinflußt - auch wenn er selber nichts davon wußte. Ich saß in der letzten Reihe der
Philharmonie und der Klang war etwas hallig. Die Gitarre klang sehr gut, aber der Text war manchmal etwas schwer zu verstehen. Es ging, aber ich war froh über jedes etwas heftigere Lied, denn wenn
Reinhard Mey sich über etwas aufregte, war es akustisch besser. Eine Weiterentwicklung hatte es in den letzten Jahren schon gegeben, wie mir nach den ersten Liedern auffiel. Es
war nicht mehr so lustig wie früher, sondern ernsthafter und oft mit einer großen Eindringlichkeit, wenn er Themen, die ihm wichtig waren, seinem Publikum nahebringen
wollte. “Sei wachsam!” fand ich sehr gut, ein Lied in dem er aufforderte, auf die Freiheit zu achten und sofort gegen jegliche Einschnitte zu kämpfen. Sein Ärger über viele
Politiker, die mit Menschenleben spielen und kein Volk, sondern Untertanen haben wollen, kam gut rüber. Das Zitat aus dem Text: “Halt du sie dumm, ich halt sie arm!”, kam mir gar nicht so weit hergeholt vor.
Reinhard Mey betonte danach, dass es ein Geschenk und ein Glück sei, in einem freien Land zu leben und das alles sagen zu können, aber es sei auch eine Verpflichtung das alles zu
sagen. Das ist es wohl auch, was ich an Reinhard Mey so mag: Er wirkt auf mich geradlinig, ehrlich und kämpferisch, und hat mir immer die Hoffnung gegeben, dass man freundlich,
sympathisch und nicht einzuschüchtern durch’s Leben gehen kann. Irgendwie zeigt er alle die Karl-May-Ideale, die mich in meiner Jugend sehr beeinflußt haben. (Anette zwischen
May und Mey, das ist eine Kombination, die mir jetzt erst auffällt. War aber vielleicht gar nicht so schlecht.) Auch mit der Schule war Reinhard Mey nicht sehr zufrieden. In seiner Anmoderation
berichtete er von frustrierten, kleinen Schülern und sagte: “Wieso der ganze Zwang und Schulstreß, wenn es sowieso alles für die Katz ist, laut Pisa-Studie?” Dann sang er ein Lied
über den ersten Schultag seines Sohnes und es traf meine Gefühle so genau, dass mir fast die Tränen kamen. Ich platzte damals auch nicht vor Stolz und Freud e, sondern hatte tiefstes Mitleid und wußte, dass ab jetzt viele Enttäuschungen und
Fehlschläge auf die Kinder zukamen. Außen lächelte ich, aber ich wußte noch, wie traurig ich auf meine Kinder mit der Schultüte guckte und dabei wußte, dass ein schöner Teil ihres freien Lebens für immer vorbei war.
Die Textzeile: “Ich fühlte mich, als wenn man ein Kälbchen zur Schlachtbank führt” traf es genau. Inzwischen haben meine Kinder mehrere Jahre Schule hinter sich und schon eine Menge an Frust, Scham und
Erniedrigung erlebt, vor denen ich sie nicht schützen konnte. Klar, das Leben ist kein Zuckerschlecken, und natürlich haben sie auch Spaß und Erfolge, aber viel zu oft ist es nicht so schön. Fünfen in Englisch zu
schreiben, den Anforderungen nicht gerecht zu werden, oder beim Sport immer als letzter, noch nach den Mädchen in die Mannschaft gewählt zu werden, sind harte Sachen, die weh tun. Das Lied drückte all das aus und
ging mir sehr nah. Aber es gab auch lustige Lieder. Eins über die verschiedenen Arten von Hinterteilen, genannt “Pöter”, das viele Lacher im Publikum auslöste, und ein sehr anschauliches über den
Besuch einer Dessous-Abteilung. Das war dann eher ein Lied wie früher, mit viel schnellem Text und einer witzigen Geschichte. Viel Gelächter, als Reinhard Mey über Strings und
Bodies sang und von seinen Problemen, als seine Frau in der Umkleide verschwunden war und er für einen “alten geilen Sack” gehalten wurde.
Wieso sah er eigentlich noch immer aus wie vor 20 Jahren und wirkte genauso jungenhaft? OK, die Haare waren etwas grauer geworden, aber sein ganzes Auftreten war jung und
irgendwie unverändert. Ich hatte nicht das Gefühl, dass seit dem letzten Konzert 15 Jahre vergangen waren und fand es sehr beruhigend. Nicht gut fand ich, dass ein etwa
eineinhalbjähriges Kind im Publikum war und immer wieder laut jauchzte. Zunächst hatte ich ein schlechtes Gewissen, weil es mich so störte, denn unten sang Reinhard Mey Lieder über
Rücksicht und arme, unterdrückte Kinder, und ich versuchte darum ganz kinderfreundlich und tolerant zu sein. Aber es störte mich trotzdem, denn ich persönlich bin immer so
rücksichtsvoll gewesen meine Kinder nicht in ein Konzert mitzunehmen, für das sie nicht weit genug waren und bei dem sie andere Leute gestört hätten. Es lag also nicht an meiner
fehlenden Toleranz, sondern an der fehlenden Rücksichtnahme der Kindermitnehmer. Darum fühlte ich mich am Ende einfach nur gestört und wünschte Mutter und Kind zu Rolf
Zukowski, wo sie besser aufgehoben gewesen wären. Allerdings nicht so spät am Abend. Das schönste Lied des Abends war für mich ein Stück über den Jugendfreund “Etienne”
und die Erinnerungen an den gemeinsam verbrachten Sommer. Es war wunderschön, ich erlebte alles mit und wunderte mich nur über den Refrain: “Etienne, was wäre wenn?” Der
passte irgendwie gar nicht zum Text. Doch am Schluß wurde es schrecklich traurig und plötzlich passte der Refrain und ich hatte Mühe nicht loszuweinen. Es ging total ans Herz,
denn Etienne starb in dem Sommer, und ich mußte sofort an einen unserer Freunde denken, der auch gestorben war, als wir alle gerade erwachsen waren und uns von der Schule ins
Leben stürzen wollten. Ich hörte traurig und fasziniert, wie Reinhard Mey genau das ausdrücken konnte, was ich fühlte und was mich innerlich anrührte. Vielleicht waren wir uns doch ziemlich nah, ohne uns zu kennen.
Obwohl 2000 Leute in der Philharmonie saßen, hatte das Konzert eine ruhige, fast private Atmosphäre. Da stand Reinhard Mey mit Gitarre in der Mitte und sang so, als ob er bei
Freunden wäre. Er baute keine Distanz auf, sondern wirkte völlig normal und natürlich, aber irgendwelche Starallüren würden auch überhaupt nicht zu ihm passen. Zum Abschluß
gab es ein ruhiges Lied, in dem er von einem Konzertsaal nach Abschluß eines Konzertes sang, von leeren Stuhlreihen, vom fehlenden Zauber und der Fremdheit. Sehr schön und ein passendes Ende. Es gab viel Beifall und nat ürlich kam er nochmal zu einer Zugabe raus. Das Saallicht war schon
angeschaltet und er brachte ein Textblatt mit: “Es ist ein neues Lied, ich kann es noch nicht ganz. Ich möchte es aber trotzdem singen.” Ganz nett und heiter ging es los und handelte vom Sommer.
Beim ersten Refrain platzte das Publikum dann aber laut los, denn der war: “... irgendein Depp mäht irgendwo immer!” Kurz vorher hatte Reinhard Mey Schlagzeilen gemacht, als er
einen ewig rasenmähenden Nachbarn als “Rasennazi” bezeichnet hatte, und so war das neue Lied über “Gräserausrotter” und “Gänseblümchenkiller” natürlich der große Lacher.  Es gab wieder großen Beifall, Reinhard Mey ging ab und kam zu einer weiteren Zugabe zurück. Diesmal sang er
nur für den Z-Block, der ihn die ganze Zeit von hinten gesehen hatte. Allerdings grinste er vorher und machte eine Bemerkung über sein “Pöter”-Lied, das jetzt kritische Blicke auslösen könnte. Wow! Also ich konnte
nicht meckern. Von hinten sah er sehr flott und eher noch jünger aus. *grins* Das Lied war ein Liebeslied und sehr schön. Es gab noch eine Zugabe, für die er nicht wieder rausging. “Ein
Letztes. Ich möchte da nicht immer hin- und herrennen, denn das hält SIE auch auf, und der Weg ist wirklich riesig.” Er lächelte und sagte ganz ruhig: “Ich hab noch Lust zu singen.”
“Die Zeit des Gauklers ist vorbei” war dann ein etwas melancholisches Abschiedslied, bei dem mir zum ersten Mal der Gedanke kam, dass es mal eine Zeit geben könnte, in der Reinhard Mey nicht mehr auf der Bühne
unterwegs ist. Unvorstellbar! Ihn gab es doch immer und ihn muß es doch ganz verlässlich immer geben! Ich beschloß mir einfach keine Gedanken über sowas zu
machen, Reinhard Mey weiterhin zu mögen und hörte dabei auf den tröstlichen Text: “Alles kommt, wie es kommen muß.” Es gab Standing Ovations und das Konzert war vorbei.
Fazit: Ein ruhiges, meist ernsthaftes Konzert, bei dem ich mir doch noch zwei oder drei der alten Klassiker gewünscht hätte, auch wenn er vielleicht (verständlicherweise) keine Lust
mehr hat die zu spielen. Insgesamt ist er etwas kämpferischer geworden, macht textreiche Zuhörlieder, die etwas aussagen, klingt aber unverändert nach echtem Reinhard Mey. Ich
habe mich sehr gefreut ihn mal wieder live zu erleben. (Schließlich kenne ich ihn ja schon so lange!) Nach dem Konzert gab Reinhard Mey noch Autogramme. Vor dem Bühnenausgang standen in
einem großen Pulk mindestens 150 Leute, die nacheinander in den Vorraum gingen, wo er an einem Tisch saß und geduldig seine Unterschrift gab. Es ging alles sehr ruhig und nett zu,
denn es war klar, dass er nicht plötzlich abbrechen und verschwinden würde. Wolfgang Niedecken kam aus dem Backstagebereich und ging grinsend vorbei, ohne dass sich einer
um ihn kümmerte oder lieber ein Autogramm von IHM haben wollte. Sehr witzig und für ihn vielleicht auch etwas ungewohnt. Im Vorbeigehen grinsten wir uns kurz an und ich muß ja
sagen, dass er sehr nette Augen hat und total offen freundlich wirkte. Trotzdem lief ihm an diesem Abend keiner hinterher, denn alle wollten zu Reinhard Mey, der jeden freundlich
ansprach, lächelnd auf Fragen antwortete und dabei unermüdlich Fotos, CDs und sogar Teddybären signierte. |